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Die Christlichen Gewerkschaften
und der Arbeitskampf in der
Uhrenindustrie von 1906 bis 1907
1904 begannen die Freien Gewerkschaften auf
der Grundlage der von ihnen durchgeführten
Erhebungen erstmals Forderungen an die
Arbeitgeber der badischen und württembergischen
Uhrenindustrie zu stellen und präzisierten
diese 1905 mit Vorschlägen zur einheitlichen
Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen
mit dem Ziel eines Tarifvertrages.
Die Arbeitgeber lehnten diese Forderungen
aber grundsätzlich ab, da sie die Gewerkschaften
nicht als Interessenvertreter der Arbeiterschaft
und als Verhandlungspartner für einen
Tarifvertrag anerkennen wollten. 1906 wiederholte
der Deutsche Metallarbeiterverband die
Forderungen. Die Arbeitgeber schlössen sich
daraufhin am 2. November 1906 in Villingen im
Verband der Uhrenindustrie & der verwandten
Industrien des Schwarzwaldes zusammen,
durch den die Forderungen aus der Arbeiterschaft
abgewehrt werden sollten.50
Auch die Christlichen Gewerkschaften waren
in zunehmendem Maße zum Kampf um bessere
Arbeitsbedingungen und Lohnverhältnisse
bereit.51 Vom 13. bis 14. Oktober 1906 führten
sie eine Versammlungswelle zum Thema
„Bedingen die heutigen Preise für Lebensmittel
und Gebrauchsartikel eine dementsprechende
Lohnerhöhung für die Uhrenarbeiter des
Schwarzwaldes?" durch (SchT 12.10.1906).
Dabei wurde im Hinblick auf die steigenden
Lebenshaltungskosten eine Lohnerhöhung von
zehn Prozent sowie eine Erhöhung des Überstundenzuschlages
um 25 Prozent und des
Sonntagszuschlages um 50 Prozent verlangt
(SchT 16.10.1906) (Abb. 7). Allerdings gingen
die Christlichen und Freien Gewerkschaften in
der beginnenden Auseinandersetzung unabhängig
voneinander vor und schwächten damit
von Beginn an ihre Kampfkraft, da vor allem
der Deutsche Metallarbeiterverband aus ziemlich
eindeutiger Organisationskonkurrenz zur
Zusammenarbeit mit dem Christlich-Sozialen
Metallarbeiterverband nicht bereit war (SchT
24.10.1906).
Die Arbeitgeber lehnten die Erfüllung der an
sie gerichteten Forderungen ab, wozu die
Christlichen Gewerkschaften in einer weiteren
Versammlung Stellung nahmen. Deutlich
widersprachen sie den Zumutungen der Arbeitgeber
: „Man verlangt also, die Arbeiter sollen
nicht ihren Führern folgen, nimmt aber für sich
in Anspruch, auf dem Wege der Kartellierung
den bescheidensten Forderungen der Arbeiterschaft
ein gewaltiges Gegengewicht zu bilden.
Allerdings eine führerlose Arbeiterschaft, wo
jeder Einzelne auf sich selbst angewiesen ist,
wäre das Ideal der vereinigten, organisierten
Uhrenindustriellen. Wir hoffen, daß eben der
gesunde Sinn der Arbeiterschaft diesen Lockungen
widersteht" (SchT 7.11.1906). Der
mit harten Bandagen geführte Konkurrenzkampf
der beiden Richtungsgewerkschaften
führte mitunter zu schlimmen Entgleisungen,
die der Sache der Arbeiterschaft nicht förderlich
waren. Insbesondere wurde von den
Christlichen Gewerkschaften das teilweise
sehr aggressive Auftreten von Karl Vorhölzer
kritisiert, der als Bezirksleiter des Deutschen
Metallarbeiterverbandes die Freien Gewerkschaften
vertrat: „Es ist ein Fluch für die Arbeiterschaft
, wenn Menschen wie dieser Vorhölzer
in den Vordergrund gestellt werden. ,Ich
bestimme, wann und wo gestreikt wird, ich
hole den letzten Mann aus der Fabrik heraus,
und wenn es mit der Hundepeitsche sein
müßte', so der Demagoge" (SchT 9.11.1906).
Die Christlichen Gewerkschaften verwiesen
dagegen auf ihre mit einer wirtschaftsfriedlichen
statt klassenkämpferischen Gewerkschaftstaktik
erreichten Teilerfolge: „Wenn die
sogenannten ,freien' Gewerkschaften statt
ihrer vielen Hungertarife und Arbeiterverräte-
reien an anderen Plätzen nur einen so vernünftigen
Tarifvertrag abgeschlossen hätten auf
dem Schwarzwald wie der Christliche Holzarbeiterverband
, dann brauchten sie jetzt nicht
wie heulende Derwische hinter der großen
Masse der Arbeiter herlaufen" (SchT 10.11.
1906).
Der sich nach der starren Haltung der Arbeitgeber
abzeichnende Arbeitskampf wurde
durch den Christlich-Sozialen Metallarbeiterverband
in der Jahresuhrenfabrik Triberg eröffnet
, wo dessen Gewerkschaftsmitglieder die
Kündigung einreichten. Auf Anweisung ihres
Bezirksleiters Karl Vorhölzer arbeiteten die Mitglieder
des Deutschen Metallarbeiterverbandes
trotz anfänglich anderslautender Zusage aber
weiter und untergruben damit die Aktion ihrer
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