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Bedeutung der Koalitionsfreiheit und des Vereinigungsrechtes
für die Angestellten und
Arbeiter" beim 3. Deutschen Arbeiterkongress
1913 in Berlin wirkte auch Josef Andre an der
Arbeit dieser christlich-nationalen Arbeiterbewegung
mit.66
Das Verhältnis der evangelischen Arbeiterschaft
zu den Christlichen Gewerkschaften war
allerdings von Anfang an belastet. Der Hauptgrund
war der im Kaiserreich teilweise sehr
stark ausgeprägte konfessionelle Gegensatz
zwischen Katholiken und Protestanten mit
unterschiedlichen politischen Orientierungen.
Im Evangelischen Arbeiterverein der Industriestadt
Schramberg wurde daher auch bereits
frühzeitig über die Gründung eigener Gewerkschaften
nachgedacht und ein entsprechender
Antrag an die Generalversammlung des Landesverbandes
evangelischer Arbeitervereine in
Württemberg gerichtet: „Die evangelischen
Arbeitervereine sollen den Versuch machen, in
ihren eigenen Kreisen sich organisatorisch zu
entwickeln. Es gibt eine sozialdemokratische,
eine freisinnige und eine katholische Organisation
, warum soll es nicht auch eine evangelische
geben? Allerdings hat die Idee nach Organisation
mit Religion bez[iehungs]w[eise] Konfession
und Politik nichts zu tun, aber im wirklichen
Leben läßt sich, wie die Erfahrung lehrt,
Organisation von Politik und Konfession nicht
trennen. Darum haben die evangelischen Arbeitervereine
die Pflicht, in ihren Kreisen Organisationen
zu gründen" (CG 1.6.1900).
Zwar gab es einmal eine gemeinsame Kandidatenliste
bei den Gewerbegerichtswahlen (SA
12.4.1904), aber grundsätzlich war beim Evangelischen
Arbeiterverein doch eine spürbar kritische
Distanz gegenüber dem katholischen
Charakter der Christlichen Gewerkschaften
vorhanden, die auch in Schramberg kaum evangelische
Mitglieder gehabt haben dürften. Die
entsprechenden Zahlen wurden von den
Christlichen Gewerkschaften auch nie vorgelegt
, um die von den Freien Gewerkschaften
kommende Kritik ihrer konfessionellen Einseitigkeit
und Beeinflussbarkeit nicht einräumen
zu müssen.67 Aus dem Evangelischen Arbeiterverein
gehörte jedenfalls immer nur eine absolut
unbedeutende Zahl von Mitgliedern den
Christlichen Gewerkschaften an.68 Zur Gewerbegerichtswahl
am 5. April 1907 stellte der
Evangelische Arbeiterverein daher auch eine
eigene Kandidatenliste auf (SchT 7.4.1907)
und nahm an der Bildung der christlich-nationalen
Arbeiterbewegung im Sinne der Deutschen
Arbeiterkongresse unter der federführenden
Initiative des Christlichen Gewerkschaftskartells
nicht teil (SchT 30.10.1907).
Besonders deutlich zeigt sich das katholische
Übergewicht in einem Aufruf des Katholischen
Arbeitervereins, des Katholischen Gesellenvereins
sowie des Christlichen Gewerkschaftskartells
mit einer einheitlichen Kandidatenliste zur
Gewerbegerichtswahl am 7. April 1913, der als
deutlicher Beleg für die enge Verbundenheit
und Zusammenarbeit zwischen den katholischen
Standesorganisationen und den Christlichen
Gewerkschaften zu werten ist (Abb. 10)
(ST 6.4.1913). Der „Gewerkschaftsstreit" um
die Frage der Interkonfessionalität der Christlichen
Gewerkschaften spielte aber in der Diözese
Rottenburg und damit auch in Schramberg
keine Rolle, wurde aber durchaus erörtert
(ST9.7.1912).69
Die Bedeutung der Christlichen
Gewerkschaften der Industriestadt
Schramberg im Kaiserreich
Zwischen 1880 und 1900 löste in Schramberg
eine jüngere Generation der Arbeiterschaft
aus den Geburtsjahrgängen der 1860er- und
1870er-Jahre die ältere Generation der Arbeiterschaft
aus den Geburtsjahrgängen der
1840er- und 1850er-Jahre immer mehr ab.
Diese neue Generation der Arbeiterschaft
zeichnete sich durch die Entstehung eines ausgeprägten
Bewusstseins für ihre politische,
soziale und wirtschaftliche Lage in der Industriegesellschaft
sowie durch eine zunehmende
Bereitschaft zur Organisationsbildung und
Interessenvertretung in einer nach und nach
entstehenden Arbeiterbewegung mit unterschiedlichen
Entwicklungslinien aus.
Eine dieser Entwicklungslinien war die christlich
-soziale Bewegung im Katholizismus, die
sich 1888 zunächst in der Gründung eines
Katholischen Gesellenvereins und 1896 in der
Gründung eines Katholischen Arbeitervereins
äußerte. Die katholische Arbeiterschaft reagierte
damit auf die Entwicklung der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung mit ihrem
klassenkämpferischen Programm und ihrem
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