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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_21/0051
Akzente etwas anders: Weil die NS-Propaganda
eine Hetzkampagne gegen Bischof Sproll
gestartet und der Kirche vorgeworfen hatte, die
Jugend vom Dienst an Staat und Volk abzuhalten
, betonte Stadtpfarrer Schmitt9 in seiner
Ansprache sowohl die „Treue und Ergebenheit
der Katholiken Schrambergs und ihrer Jugend
insonderheit" gegenüber dem Oberhirten
als auch die Bereitschaft für den Dienst an
Staat und Volk: „ Wir wollen nur das Heil der
unsterblichen Seele unserer Jugend, das und
sonst gar nichts haben wir stets gewollt und
wollen es auch in der Zukunft. Der Bischofstag
soll keine andere Bedeutung haben; eine
gläubige und sittenreine Jugend soll heranwachsen
, die restlos dem Staat und der
Volksgemeinschaft dient und auf die man
sich verlassen kann."

Auch ein Bericht vom 10.4.1935 in der Zeitschrift
„Jung Schwaben"10 unterstreicht die
unverbrüchliche Treue der katholischen Jugend
Schrambergs zu ihrem Bischof und deutet
das Leitwort zu dessen Predigt folgendermaßen
: „Der Hoch würdigste Herr Bischof wählte
als Leitwort seiner Predigt die alte Schwabenlosung
: Furchtlos und treu!... Furchtlos im
Kampf um das Christentum und die Kirche,
treu zu Christus und seinen Stellvertretern:
Das sei die Losung!"

In beiden Darstellungen steht das religiöse
Anliegen im Vordergrund. Daher vermeiden sie
jede Kritik an den Zwischenfällen zwischen
der HJ und der katholischen Jugend nach Ab-
schluss der Gottesdienste. Warum kam es aber
überhaupt zu diesen Zwischenfällen und was
passierte damals tatsächlich? Die Berichte darüber
widersprechen sich. Zunächst soll auf
eine Darstellung eingegangen werden, die nach
über 60 Jahren von dem Augenzeugen Werner
Hofmann verfasst wurde. Dieser war nach 1933
der Flieger-HJ beigetreten und hatte sich an der
„Demonstration" der HJ beteiligt.

Die Zwischenfälle auf dem Bischofstag
in Schramberg

In seinem lesenswerten Buch „Aus Heldenzeiten
"11 geht Werner Hof mann auf die Zwischenfälle
auf dem Bischofstag ein. Seine Beschreibung
zeichnet sich durch eine große Anschaulichkeit
und Detailfreudigkeit sowie durch eine
ehrliche Selbstkritik aus. Da viele Einzelheiten

den meisten Schrambergern nicht bekannt sein
dürften, soll seine Darstellung - nur geringfügig
gekürzt - hier wiedergegeben werden:
„Aus meiner Hitlerjugendzeit bleiben mir die
Ereignisse beim Schramberger Bischofstag
am 25.März 1935 [richtig: 24. März 1935] in
böser Erinnerung. Am hellen Sonntagmorgen
schon ließ Unterbannführer Heiner Köbele
die Hitlerjugend alarmieren. Auf dem Weg zu
unserem Sammelplatz nahe der Heiliggeistkirche
sah ich viel festtäglich gekleidetes
katholisches Kirchenvolk, aber auch eine
Menge St.-Georgs-Pfadfinder und schwarzge-
wandete Geistliche in den Straßen. Mit Omnibussen
waren sie von weitherum angereist
gekommen. Die Versammlung von 9000 uniformierten
Pfadfindern war unübersehbar
eine Machtdemonstration der organisierten
katholischen Jugend in einer Zeit, als neben
der „Jugend des Führers" andere Jugendvereinigungen
in der Öffentlichkeit nicht mehr
geduldet waren.

Der Schramberger NSDAP-Ortsgruppenleiter
Wolf rief denn auch uns in der Reithalle versammelte
Hitlerjungen scharfmacherisch zu
einer Gegendemonstration auf, was zur Folge
hatte, dass unser anschließender Protestmarsch
durch die Innenstadt schon bald in
wüste Schlägereien ausartete. Einige als
Rabauken bekannte ältere Hitlerjungen traten
eigenmächtig aus der Marschkolonne aus
und schlugen mit den Schulterriemen rücksichtslos
auf jeden Passanten ein, der unsere
Hakenkreuzfahne nicht mit erhobenem Arm
grüßte. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß
die prügelnden HJ-Rabauken ausnahmslos
selbst Katholiken waren.
Viele Kirchenbesucher wichen vor dem Terror
in die Seitenstraßen aus, einige Geistliche
aber gingen unbeirrt ihres Weges weiter in
der Annahme, man werde sich schon nicht
an ihnen vergreifen. Sie sollten sich getäuscht
haben. Ein Kaplan ertrug die Hiebe mit demonstrativ
nach unten gestreckten Armen
und himmelwärts gerichtetem Blick, einem
Märtyrer gleich, wie El Greco sie malte. Ein
Pfarrherr hob unter den Schlägen mit zusammengebissenen
Zähnen dann doch endlich
zögernd die Hand zum Gruß....
Mit meinen vierzehn Jahren war mir wohl
bewußt, daß bei unserem Demonstrations-

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