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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_21/0052
zug Recht und Anstand mit Füßen getreten
wurden, und vielleicht hätten mich hernach
wegen meines Dabeiseins weit heftigere
Schuldgefühle geplagt, wenn dann nicht noch
etwas anderes geschehen wäre:
Als wir nach dem Marsch durch die Innenstadt
nochmals auf dem Berneckschulplatz
angetreten waren, kurvten zwei mit St-
Georgs-Pfadfindern vollbesetzte Omnibusse
von der Straße her auf unsere Kolonne zu.
Wer im Wege stand, rettete sich durch rasches
Beiseitespringen. Das war eine reine Provokation
, wobei die Gefährdung von Menschenleben
offensichtlich mit in Kauf genommen
wurde. Einige von uns ließen sich hinreißen
und zertrümmerten an den rasch
abdrehenden Fahrzeugen die Scheiben. Derweil
stand auf der Böschung über dem Berneckschulplatz
ein Fotograf in guter Position
und nahm das Geschehen fleißig auf. Unter
der Überschrift ,Katholikenverfolgung in
Deutschland' erschien bald darauf in einer
Schweizer Illustrierten sein Bildbericht mit
entsprechend ausgewählten Fotos. Die Sache
war also fein eingefädelt gewesen. Mir diente
das zur lehre, es bei politischen und konfessionellen
Händeln künftig mit Heine zu halten
, ,daß die Rechten und die linken, daß sie
alle beide stinken.'

Die Illustrierte ging unter der Hand in unserer
Stadt um, was für einige der darin als
Schläger erkennbaren Hitlerjungen zur Folge
hatte, daß ihre streng katholischen lehrher-
ren ihnen ernsthaft mit Hinausschmiß drohten
. "

Diese unliebsamen Zwischenfälle blieben in
den damaligen in Schramberg vertretenen Zeitungen
unerwähnt. Der Schwarzwälder Bote
vom 25.3.1935 brachte nur eine nüchterne
Wiedergabe des Programmablaufs während
des Bischofstages. Lediglich am Ende seines
Berichts deutete er in vorsichtiger Form außergewöhnliche
Aktionen von HJ und NSDAP an:
„Nach den Veranstaltungen des Bischofstages,
um 16 Uhr, versammelte sich die Hitlerjugend
des Bezirks in der Reithalle und marschierte
zu einer Kundgebung auf. Die öffentliche
Kundgebung auf dem Rathausplatz leitete
Standortführer lachenmaier, die Ansprache
hielt Ortsgruppenleiter Wolf, der zu
den Ausführungen des Bischofs Stellung

nahm. Das HJ-Iied beschloß diese Kundgebung
. - Auf dem Berneckschulplatz sprach im
Anschluß zur versammelten Hitlerjugend
Unterbannführer Köbele (Alpirsbach) in
packender Weise."

Die Berichte von Stadtpfarrer Schmitt,
Kaplan Hörner und Vikar Böhringer
(Pfarramt Geislingen)
über den Bischofstag in Schramberg

In mehreren Punkten wird die Darstellung von
Werner Hofmann durch die Berichte von Geistlichen
aus Schramberg und Geislingen gestützt.
So teilte Stadtpfarrer Schmitt am 10. 4.1935
dem Bischöflichen Ordinariat Rottenburg
unter der Überschrift „Vorfälle auf der
Strasse" mit:„Hier wurden katholische Jungen
und Mädchen geschlagen, weil sie die HJ-Fah-
nen nicht grüßten. In den meisten Fällen
geschah das Nicht-Grüßen nicht aus bösem
Willen.

An einem Auto wurden die Fensterscheiben
eingeschlagen. H. H. Kaplan Sass will festgestellt
und gesehen haben, dass die Absicht
bestand, eine Stinkbombe zu werfen. Wie ich
von zuverlässiger Seite gehört habe, war noch
mehr geplant. Es bestand offenbar die Absicht,
die katholische Jugend zu Unklugheiten zu
veranlassen, was dann Anlass gegeben hätte,
gegen sie vorzugehen. Aber die Polizei war
vollständig aufgeboten, und man wusste,
dass sie unweigerlich gegen Ausschreitungen
vorgehen werde. "12

Kaplan Hörner ergänzt die Darstellung von
Stadtpfarrer Schmitt noch um weitere Einzelheiten
:

„Nachmittags 1/25 Uhr vernahm ich vor
meinem Hause ein lautes Schreien. Ich sah,
wie ein Hitlerjunge wohl mit einem Gummiknüppel
über die Köpfe und den Rücken
von jüngeren Mädchen hineinschlug, so dass
diese laut aufschrien. Der Grund zu diesem
Vorgehen ist mir unbekannt, aber wohl
darin zu suchen, dass die Mädchen vermutlich
die Fahne nicht gegrüsst haben.
Während ich noch hinausschaute, wurde
mir von der vorbeiziehenden Hitlerjugend
ein mehrmaliges, lautes, vielstimmiges „Pfui,
Pfui<( entgegengerufen. Der Hitler junge, der
die Mädchen verprügelt hatte, drohte mir mit
seinem Prügel und einem anderen Gegen-

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