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stand. Ob es ein Dolch oder eine Schusswaffe
war, konnte ich nicht genau feststellen. Ferner
schickte er sich an, ins Haus hereinzustürmen
. Ich schenkte den Vorgängen weiter
keine Beachtung mehr und, nachdem ich
gesehen, was vorgegangen, schloss ich das
Fenster.
Teilnehmer (Jungen und Mädchen) aus
Schwenningen hielten sich bis zu ihrer
Abfahrt (die erst um 9 Uhr erfolgen konnte)
in meiner Wohnung auf. Bis zu dieser Zeit
standen beständig vor meinem Hause mehrere
Posten und Horcher. Bei der Abfahrt
wurde ihnen ein lautes „Pfui, Pfui<( nachgerufen
. Dies erfolgte öfters auch bei den anderen
abfahrenden Omnibussen. "13
Ähnliche Vorkommnisse berichtet auch Vikar
Böhringer am 1.4.1935 an Bischof Sproll:
„Als Ort der Abfahrt haben wir für die Teilnehmer
aus Geislingen den Platz vor der Heiliggeistkirche
bestimmt. Kurz vor unserer
Abfahrt drangen nun die Führer der etliche-
male an der Kirche vorübermarschierenden
HJ gewalttätig auf die dort wartenden Tagungsteilnehmer
ein, so daß diese in die Kirche
flüchten mußten.
Als unsere Autos an der Kirche [Heiliggeistkirche
] abfahren wollten, sprang ein Hitlerjunge
auf den Motor des einen der fahrenden
Wagen, der nur mit Mädchen besetzt war. Ein
anderer sprang an der Seite auf, schlug eine
Wagenscheibe zusammen und riß die Türe
auf. Bei der Abfahrt mußten wir von selten
der HJ Pfuirufe hören, ,Pfui, schwarze Saubande
!' und ähnliche Ausdrücke, welche mit
Spottgesten begleitet waren.
Jungmänner erzählten hernach auch, daß
auf der Straße der Ausdruck gefallen sei
,Christus, verrecke' und ein Protestredner auf
der Straße habe gesagt, der Bischof habe die
HJ beleidigt. Und als der Hochwürdigste
Bischof an der HJ vorübergefahren sei, haben
die Hitlerjungen ihm Spottgesten nachgemacht
und ,pfuic gerufen. "14
Vergleicht man diese drei Berichte mit der
Schilderung von Werner Hofmann, so zeigt sich
ein hohes Maß an Übereinstimmung bezüglich
des Ablaufs der Zwischenfälle. In drei Punkten
aber geht Werner Hofmann über die anderen
Darstellungen hinaus, und zwar mit den Aussagen
, dass
• die Zwischenfälle durch einen Fotografen
dokumentiert wurden,
• ein Bildbericht in einer Schweizer Illustrierten
erschien und
• einigen als Schläger identifizierten Hitlerjungen
von streng katholischen Lehrherren der
Hinausschmiss angedroht wurde.
Unter historischen Aspekten stellt sich die
Frage:
Gibt es stichhaltige Belege für die Aussagen von
Werner Hofmann?
Der Fotograf des Schramberger
Bischofstages und sein Bildbericht
in einer Schweizer Illustrierten
Bei meinen Nachforschungen bezüglich des
Fotografen stellte ich folgenden Sachverhalt
fest: Es existieren nur vereinzelte Aufnahmen
vom Schramberger Bischofstag, und zwar vom
Einzug bzw. Auszug des Bischofs Sproll aus der
Heiliggeistkirche (vgl. Bilder S. 46,47,48). Diese
Aufnahmen stammen aber nicht von einem
professionellen Fotografen, sondern aus einer
privaten Quelle. Sie wurden nämlich vom
Geistlichen Rat Pfarrer i.R. Wendelin Sieß gemacht
, der damals 17 Jahre alt war und für den
es als Insasse des katholischen Konvikts Rottweil
eine selbstverständliche Pflicht war, am
Bischofstag teilzunehmen.15 Da auch das Archiv
im Fotogeschäft Kasenbacher keine Aufnahmen
vom Bischofstag enthält, ist anzunehmen
, dass es einen Fotografen, der speziell von
katholischer Seite zur Dokumentation von HJ-
Übergriffen eingesetzt wurde, mit großer Wahrscheinlichkeit
nicht gab.
Wie stichhaltig ist nun die Behauptung von der
Existenz eines Bildberichtes in einer Schweizer
Illustrierten? In Schramberg ließ sich bisher
kein einziges Exemplar der Schweizer Illustrierten
nachweisen. Auch mehrere Anfragen
in Schweizer Archiven, z. B. im Staatsarchiv des
Kantons Thurgau, im Staatsarchiv Schaffhausen
, in der Schweizerischen Landesbibliothek,
Abteilung Zeitschriften, in Bern sowie im Stadtarchiv
Konstanz brachten keine Bestätigung für
die Existenz des Bildberichtes über die
Zwischenfälle auf dem Bischofstag in Schramberg
. So teilte mir z. B. das Staatsarchiv Schaff-
hausen am 4.2.2000 mit: „Im Kanton Schaffhausen
erschien in der fraglichen Zeit keine
Illustrierte", und die Schweizerische Landes-
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