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(Eine ungetoöf)ttlicftc (ütentfonttoUe
93 on einem 5lugen3eugen tüixb uns berichtet:
lieber bie D[terf eiertage begaben [idj bie fatf>o=
lifdjen 3un9imäTtners^erc^n^un9en oon 9an3 £ßut[ä)lanb
311 einer Pilgerfahrt nadj 5Rom. £>ie[elbe tourbe ans
allen beutfdjen ©auen, 3um größten Seil mit ca. 60 Omni*
bu[[en, ausgeführt, unb [o [ollen runb 2500 ^erjonen
oon biefen fatl)oli[d)en ^utigmäiinern *n ^om 5u[ammen=
giefommen [ein. Die SRei^e bauerte 14 Xage, toooon 8 Xage
in SRont oerbradjt tourben. 3n bie[er 3C^ marinierten [ie
einmal an einem £age gemeinfam in ben SBatifan ein, too
[ie oom tßapft empfangen würben unb jeber etnselne com
^apft -ein Sötebatflon ehielt ©et biefem 2lnla[fe Jollen
bte beut[ä)en 3ungmannetr mit ifjren geiftltäjen gü^rern bas
„ir>eil auf ben $ap[t unb auf bas beutfä>e SBaterlanb"
ausge[p<tad)en l>aben, jebod) nidjt ein „£>eil auf ben beut=
fa>eu $ül?rer". $ludj fallen [ie im Sluslanbe ben beut[djen
9lei[euben ben beut[ä)en ©ruft nicr)t abgenommen Ijaben.
Das mu[j ber beut[d)eu 5Reiä)sregierung gleid) betannt ge-
roorben fein, unb biefe orbnete für bie ^etmfe^r an ber
©ren^e [ttenge 50iafena^men an. (Srftens umrbe o e r f ü g t,
ba6 aII e üb eir bas JU* e u 31 i n g*e r t o r einreijen mü}*
)-en. £ier mujjte jeber [ein ©epäd, Sornifter ufto. auf bem
3t>Ilamt 3UT 9?eoi[ion oorroeifen unb alle Rleinigifeiten oer=
3ollen ober in bie Sdnoeiä äurüdtragen. Ungebrochene
3*Ia[d>en 2Bein unb ^rooiant mürben nid)t als ^Reifeoorrat
anerfannt. Dann mürben [ie toieber in po>tt3eiüd}er 33e=
gkitung auf bas iBearrfsamt begleitet, roo ilmen bas ganse
©•epäd, gafjnen u[m. befdjlagnafnut rourbe. Da [ie 3um
gjröfrten Xeil blaue $emben trugen, mußten [ie bie[e aus*
jiefjen unb biefe mürben aud) be[d)lagnaf)mt, roeil man biefe
<r>emben als eine Uniform betrachtete. Das Söorgefyen
rourbe bann ben frifdj eintreffenben 2Bagemn[a[[en oon
3urüd!ommenben ftameraben auf Sdnoeiaerfeite befannt ge=
maä}t, roeldje bann [idj etmas dorbereiUtm unb tfyr <r>emb
in SBagen unb auf ber Strafte aussogen unb teilroetje
oljne ein £>emb auf bem ftörper nadj ifyrer §eimat reifen
mußten. %m Samstag abenb fat) es eine 3eitlang oor bem
Äreu3linger 3°'^an^ aus ro*c m ^nem Stranbbabe. %n
biefem Xage [tnb bis nadjts 12 Ufyr ca. 30 Sßagen an ber
(&ren3e eingetroffen uttb mußten bis 2 Stunben auf bie
Abfertigung roarten. 2Iud) [ollen am Samstag einige oon
ben geiftltä)en 5u^,rcrn oer^aftet roorben fein.
3lu$ bei ^nfel.
33 a f e l, 29. April. Am Sonntag Beerten bie erften
Autos ber beutfa^eu „Sturmfdjaren", biie über Dftern in
9tom roaren, nad) Deutfd)lanb 3ucüd. An ber ©ten^e im
Otterbad) bei 33ajel muftteu fie, mie bas M53asler 93olfs=
blatt" mttteflt, ausfteigen. 7 Solbaten ober 3°^road)ter
mit gelabenem Karabiner nahmen fie in Empfang. Allen
Xetlne^mern mürben bie Uniformen roeggenommen, ebenfo
bie 2Ref[er unb fämtli'aje Anbeuten aus 9tom. Statt bes
©urtes befamen [ie einen Strid um ben £eib. 3^rer ^a^e
beraubt, burfte'n fie meiterfal>ren in i^re Heimat. Die
ftüdtefyrer roerben oom „©ollsblatt" als oaterlänbifdje
[uuge 50lenfä>en bejei^net, unb bitbeten einen Xeil jener
2000 beutfe^en 3uugens, bte anldftlta) ber ^outififalmeffe
im S3ati!an bem N#apft ein breifac^es „^cil" überbraebteu.
bibliothek Bern äußerte sich am 6.12.2000 in
ähnlicher Weise:„Leider können wir weder in
der ^Schweizer Illustrierten Zeitung' noch in
der ,Züricher Illustrierten etwas zu diesem
Ereignis finden. Wir wissen wirklich nicht, um
welche Illustrierte es sich handeln soll."
Alle diese Mitteilungen legen die Vermutung
nahe, dass es also einen Bildbericht in einer
Schweizer Illustrierten mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht gab. Dann aber stellt sich die
Frage: Wie lässt sich das Rätsel um die Schweizer
Illustrierte lösen?
Die Lösung könnten Berichte von einem Vorfall
bieten, der sich am 28.4.1935, also etwa vier
Wochen nach dem Bischofstag in Schramberg,
an der Schweizer Grenze ereignete. Damals
kehrten Tausende von katholischen Jugendlichen
, darunter auch Mitglieder der katholischen
„Sturmschar" Schramberg, von einer
Pilgerfahrt nach Rom zurück. Nach dem Grenzübertritt
mussten sich die „Sturmschärler"
einer Leibesvisitation durch die Gestapo unterziehen
. Dabei wurden ihnen Musikinstrumente
, Tornister, Zeltbahnen, Brotbeutel, kleine
Riemen, Feldflaschen, Pilgerausweise, Verbandsausweise
, Sturmscharhemden und Festhemden
weggenommen.16 Die kleinliche
Durchsuchung blieb der ausländischen Presse
nicht verborgen. Mehrere Schweizer Zeitungen
, darunter der „Thurgauer Volksfreund"
(Kreuzlinger Zeitung) vom 30.4.1935, die
„Neue Züricher Zeitung" vom 30.4.1935 und
das „Thurgauer Tagblatt" (Weinfelden) vom
1.5.1935 brachten in den nächsten Tagen ausführliche
Berichte über die Aktionen der Gestapo
an der Grenze zu Kreuzlingen und zu
Basel. Als typisches Beispiel kann die Darstellung
im Thurgauer Volksfreund gelten (siehe
nebenstehende Abbildung):
Die NS-Behörden wiesen die Schweizer Darstellungen
zurück und taten sie als Lüge und
Auslandshetze ab. Bei dieser Gelegenheit wiesen
sie auch eine „Lügennachricht" zurück, von
der in den Schweizer Zeitungen überhaupt
nicht die Rede gewesen war, nämlich die Meldung
, katholische Jungmannen seien an der
Grenze verhaftet und in Konzentrationslager
abgeführt worden (siehe Abbildung S. 53):
Derartige Berichte dürften auch in Schramberg
bekannt geworden sein. Die Brisanz der
Geschehnisse an der Grenze wurde durch die
Bericht im Thurgauer Volksfreund (Kreuzlinger
Zeitung) vom 30.4.1935
Schilderungen der heimgekehrten Schramber-
ger Rompilger wohl noch verstärkt. Vor diesem
Hintergrund ist es dann sehr gut vorstellbar,
dass es die Schweizer Zeitungsberichte waren,
die in Schramberg Aufsehen erregten, und
nicht etwa ein nicht nachweisbarer Bildbericht
einer Schweizer Illustrierten über den Bischofs-
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