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Gisela Lixfeld:
100 JAHRE FRAUENWAHLRECHT (2)
Die Arbeit der ersten
Gemeinderätinnen 1919 bis 1928
Gisela Lixfeld,
Sulzburg
Die Autorin hat im ersten Teil ihres Beitrags zu 100
Jahre Frauenwahlrecht in Schramberg die Gemeinderatswahl
1919, bei der erstmals Frauen wählen
durften und gewählt werden konnten, hinsichtlich
ihrer Modalitäten und Wahlergebnisse analysiert.1
Mit Theresia Bantle (Zentrum) und Berta Kuhnt (SPD)
waren am 25. Mai 1919 die ersten Frauen in den
Schramberger Gemeinderat gewählt worden. Im folgenden
Beitrag soll die konkrete Gemeinderatsarbeit
dieser beiden Rätinnen und der 1922 gewählten dritten
Frau im Gremium, Josefine Werner (Christlich-
Nationale Arbeitnehmerschaft), geschildert und ihre
Leistungen gewürdigt werden.
Engagiert zur Linderung sozialer Not
Die beiden ersten Stadträtinnen Theresia Bantle
und Berta Kuhnt waren - den damaligen Rollenmustern
entsprechend - in den Ausschüssen vertreten
, die sich mit sozialen Belangen befassten,
und engagierten sich tatkräftig in der Wohlfahrtspflege
. Viele Menschen in Schramberg lebten in
den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Existenznot
. Lebensmittel waren knapp, die Wohnungsnot
groß. Die Gremien, die sich mit der Verbesserung
der Lebensverhältnisse beschäftigten,
waren überlebenswichtig.
Die damals fast fünfzigjährige Berta Kuhnt (1872-
1929) setzte ihre praktische Politik, die sie schon
im sozialdemokratischen Frauenverein und bei
der Arbeiterwohlfahrt betrieben hatte, als Ge-
1 D'Kräz Nr. 38 (2018), S. 4-12
meinderätin fort. Eigenhändig schaffte sie Kartoffeln
zur Abgabe an „Minderbemittelte" herbei,2
machte sich für den preiswerten Einkauf von Stoffen
und die Einrichtung einer Volksküche stark.3
Sie engagierte sich ebenso für den sozialen Wohnungsbau
wie für die Einrichtung eines Altersheims
und die Anstellung einer weiteren Lehrkraft
in der Frauenarbeitsschule.4
Die 35-jährige Theresia Bantle (1884-1973) übte
ebenfalls praktische Sozialpolitik, indem sie beispielsweise
die ungleiche Verteilung von Lebensmitteln
beanstandete, die überhöhten Milchpreise
rügte oder genügend Küchengeräte für den Unterricht
in der Frauenarbeitsschule einforderte.5 Ferner
bemühte sie sich um eine Erhöhung der Anzahl
der angestellten Wochenbettpflegerinnen,
wobei sie durch ihre Gemeinderatskollegin Berta
Kuhnt unterstützt wurde.6
Gemeinsam setzten die beiden Gemeinderätinnen
die Einführung von hauswirtschaftlichem Unterricht
durch.7 Über altersmäßige, parteipolitische
und konfessionelle Grenzen hinweg stützten sie
2 Gemeinderatsprotokoll vom 15.3.1922 im Stadtarchiv
3 Schwarzwälder Tagblatt vom 97. und 30. 4. 1920 sowie
Gemeinderatsprotokoll vom 16.4.1920
4 Schwarzwälder Tagblatt vom 30. 4. 1920 und 23. 12. 1921,
Schwarzwälder Volkswacht vom 30.3.1922, Gemeinderatsprotokoll
vom 16.6.1920
5 Gemeinderatsprotokolle vom 12. 8. 1919 und 16. 4. 1920,
Schwarzwälder Volkswacht vom 11.11.1921
6 Gemeinderatsprotokoll vom 8.1.1920, Schwarzwälder Tagblatt
vom 10.1.1920
7 Gemeinderatsprotokoll vom 21.1.1920
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