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mit Grundnahrungsmitteln wie Milch und Kartoffeln
sowie mit Kleidungsstücken zu erschwinglichen
Preisen, die Wohnungsnot, der Mangel der
Arbeiterfamilien an vielem, bedingt durch Kriegsfolgen
und Arbeitslosigkeit, drohende Rationalisierungsmaßnahmen
in den Fabriken etc., weshalb
damals nicht wenige ihr Heil in der Auswanderung
nach Amerika suchten.17
In der Wohlfahrtspflege ehrenamtlich tätige Frauen
versahen damals einen Teil derjenigen Aufgaben
, die heutzutage von einer städtischen
Dienststelle bzw. dem städtischen Sozialamt erledigt
werden. Um die alltägliche Not zu lindern,
erbrachten auch die Gemeinderätinnen Hilfeleistungen
, die wir heute als Sozialarbeit bezeichnen
würden. Sie meldeten sich jedoch selten zu Wort,
wenn es um Fragen ging, die der klassischen
Frauenrolle nach nicht in die Kompetenz von
Frauen fielen. Diese Verhaltensmuster waren
ebenso in der großen Politik zu beobachten: Auch
die ersten weiblichen Reichstagsabgeordneten
engagierten sich unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit
vor allem in den familienpolitisch
wichtigen Bereichen, der Sozial-, Schul- und Gesundheitspolitik
. 18
Sozialdemokratinnen wollten tätig werden
SPD-Rätin Berta Kuhnt, die bei der Spaltung der
SPD in MSPD und USPD 1917 der gemäßigten Linie
treu geblieben war und sich der mehrheitssozialdemokratischen
Richtung angeschlossen
hatte, lag mit ihren politischen Arbeitsschwerpunkten
ganz auf der Linie ihrer Partei. Der Wandel
der SPD zu einer „staatstragenden Reformpartei
" hatte nach 1919 zur Revision der sozialistischen
Emanzipationstheorie geführt, wonach
der Kampf um die Emanzipation der Frauen als
Teil des Kampfes um eine sozialistische Gesellschaftsordnung
gegolten hatte. Der Sturz der Mo-
17 Zur allgemeinen Lage in der Zeit s. Hans-Joachim Losch:
Schramberg in der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933);
in: Schramberg. Adelsherrschaft, Marktflecken, Industriestadt;
Schramberg 2004, S. 219-230; sowie Carsten Kohlmann:
Schramberg in der Weimarer Republik. Eine Industriestadt
im Umbruch; in: Momentaufnahmen Schramberg. Ein Lesebuch
1867-1992; Schramberg 1992, S. 35-51
18 Ute Frevert: Frauen-Geschichte. Zwischen bürgerlicher Verbesserung
und neuer Weiblichkeit; Frankfurt 1986, S. 165 f.
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narchie hatte Frauen schließlich zu „gleichberechtigten
Staatsbürgern" gemacht und ihnen das
volle Wahlrecht beschert. Mit der „staatsbürgerlichen
" Gleichstellung der Frauen schienen die
Voraussetzungen für Emanzipation erfüllt, die
Frauenfrage gelöst zu sein.
Ziel der SPD-Frauen wurde nun die „systematische
Erweiterung des spezifisch weiblichen Kultureinflusses
", so die SPD-Reichstagsabgeordnete Marie
Juchacz, Parteivorstandsmitglied und Reichsvorsitzende
der SPD-Frauenorganisation.19 In ihrer
ersten Parlamentsrede wird deutlich, in welche
Richtung sich die mehrheitssozialdemokratische
Frauenbewegung in der Weimarer Republik verstärkt
engagieren wird:
„Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem
Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen
Entfaltung seiner Kräfte. [...] Ich möchte hier sagen,
daß die Frauenfrage [...] in ihrem alten Sinne nicht
mehr besteht, [...] daß sie gelöst ist. [...] Wir Frauen
werden mit ganz besonderem Eifer tätig sein auf
dem Gebiete des Schulwesens, auf dem Gebiete
der allgemeinen Volksbildung [...] Die gesamte Sozialpolitik
, einschließlich des Mutterschutzes, der
Säuglings-, der Kinderfürsorge wird im weitesten
Sinne Spezialgebiet der Frauen sein müssen. Die
Wohnungsfrage, die Volksgesundheit, die Jugendpflege
, die Arbeitslosenversicherung sind Gebiete,
für die das weibliche Geschlecht ganz besonders
interessiert ist und für welche das weibliche Geschlecht
ganz besonders geeignet ist." 20
Frauen also sollten sich als „geborene Hüterin und
Schützerin des Menschenlebens" für Sozialpolitik
und Wohlfahrtspflege, Erziehung und Volksbildung
besonders eignen.21 Ganz in diesem Sinne
wirkte die Sozialdemokratin Berta Kuhnt. Mit ihrer
Gemeinderatskollegin Theresia Bantle, die der
konfessionellen Frauenbewegung angehörte, arbeitete
sie gut zusammen, zumal die Ziele der
mehrheitssozialdemokratischen und der bürger-
19 Karen Hagemann: Gleiche Rechte - gleiche Pflichten? Frauenalltag
und Frauenbewegung Hamburgs in der Weimarer
Republik; in: Karen Hagemann und Jan Kolossa (Hrsg.): Gleiche
Rechte - Gleiche Pflichten? Der Frauenkampf für „staatsbürgerliche
" Gleichberechtigung; Hamburg 1990, S. 51
20 ebd. S. 55
21 Zitat Sophie Schöfer, ebd. S. 51
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