http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_39/0045
Berta Kuhnt als einzige Frau im Kreis der Jubilare der Schramberger SPD, die 1926 für 25-jährige
Mitgliedschaft geehrt wurden; vor ihr sitzend ihr Ehemann Karl Wilhelm, rechts stehend der Gemeinderat
Jonas King. Foto: Stadtmuseum Schrämberg
als politisch; jedenfalls wurde es nicht mit Wiederwahl
honoriert. Das wirkte nicht ermutigend auf
andere. Nach Berta Kuhnt bemühte sich während
der Weimarer Republik keine Sozialdemokratin
mehr um ein Gemeinderatsmandat.
Erste Würdigung eines Stadtoberhaupts am Grab
einer Frau
1929 starb Berta Kuhnt. Lobende Nachrufe ihrer
Parteifreunde in der SPD-Zeitung41 sowie die Grabrede
des parteilosen Oberbürgermeisters Eugen
Ritter (1880-1940) würdigten ihre Verdienste
und dass sie „mit offenem und klarem Willen zum
Wohl der Stadtgemeinde gearbeitet" habe. Besonders
hob Ritter hervor, dass „es die erste Grabrede
sei, die am offenen Grab einer Frau von der
Stadtverwaltung aus gehalten werde'1 1 Für wie
ungewöhnlich er selbst diese öffentliche Ehrung
der politischen Arbeit einer Frau, einer „schlichten
Frau aus dem Arbeiter stände" zumal, durch die
Ansprache des Stadtoberhaupts einschätzte, zeigt
seine Rechtfertigung: »Aber diese Frau [... hat] in
ihrem Leben so viel gewirkt, dass diesfe offizielle
Würdigung] gerechtfertigt erscheine".
Der Bericht in der sozialistischen Schwarzwälder
Volkswacht über die Trauerfeier für die SPD-Politikerin
43 gibt aber noch anderes Aufschlussreiche
41 Schwarzwälder Volkswacht vom 29.4., 30.4. und 2.5.1929
42 ebd.vom2.5.1929
43 ebd.
preis. Zu Berta Kuhnts Beisetzung sprachen drei
Männer - der Stadtpfarrer, der Bürgermeister und
der SPD-Parteivorsitzende - sowie eine Frau, die
Vorsitzende der Sozialistischen Frauengruppe.
Während die Reden der drei Männer in der Zeitung
ausführlich zitiert wurden, erfahren wir über
die Inhalte der Ansprache der Frau kein Wort.
War weibliches Reden nicht berichtenswert?
Hier wird die Problematik der Quellen deutlich:
Inwieweit drangen Wortmeldungen und Taten
von Frauen überhaupt in Gemeinderatsprotokolle
und Lokalpresse? Das Fehlen der Berichterstattung
über die Rede der SPD-Frau in der parteieigenen
Zeitung wirft auch ein Licht auf Josefine Werners
Wirken im Gemeinderat, das in den offiziellen
Quellen unsichtbar blieb. Dass fast nichts Schriftliches
überliefert ist, muss nicht nur mit zurückhaltendem
Auftreten und Bescheidenheit der jungen
Frau erklärt werden.44 Es kann damit zusammenhängen
, dass Wortmeldungen der einzigen
Frau im Gremium - als unwichtig abgetan -
nicht ins Protokoll gelangten.
„Gerecht, aber streng" als männliche Devise
Als Indizien dafür, dass ein Bereich an Wahrnehmung
gewann, sobald er von Männern ausgeführt
wurde, können einige Bemerkungen des Vorsitzenden
der Zentrumspartei im Wahlkampf 1928
44 s. Schwarzwälder Tagblatt vom 1.12.1928
45
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