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gelten. Bei einer Wahlveranstaltung führte er zunächst
„die wichtigsten Abteilungen des hiesigen
Gemeinderats" auf. Obwohl das Fürsorgewesen,
zu dem so existentielle Bereiche wie Armen-, Alten
- und Obdachlosen-, Kinder-, Wochenbett- und
Tuberkulosefürsorge sowie Fürsorgeerziehung
gehörten, in seiner Reihung erst an fünfter Stelle
rangierte, wertete er dieses Ressort auf, um die
Leistungen eines zur Wiederwahl anstehenden
Gemeinderats würdigen zu können: „Daß in den
Unterstützungssachen [...]gerecht, aber streng verfahren
wurde, [...] ist [...] mit ein Verdienst des
Herrn Schinle, der mit den hiesigen Verhältnissen
wohlvertraut, der Stadt verschiedene tausend Mark
erspart hat. Auch Fräul. Werner, die in ihrer Bescheidenheit
nicht an die Öffentlichkeit trat, hat
nie gezögert, wenn es galt, sich in den Dienst der
öffentlichen Fürsorge zu stellen. Im Namen der
Zentrumspartei erstatte er ihr hierfür den herzlichsten
Dank ab. Es ist Tatsache, dass Herr Gemeinderat
Schinle das unpopulärste Amt zu versehen
hat."45
Berta Kuhnt hatte ihre „Sorgen und Mühen für
die Armen" nicht als „unpopulärstes Amt" verstanden
; sie genoss dafür aber „in allen Kreisen
der Bevölkerung Achtung und Ansehen". Im Gemeinderat
hatte sie „ in der schlimmsten Not" mitgewirkt
; „groß waren die Verdienste, die sie sich
um die Beschaffung von Lebensmitteln für die
Stadtbevölkerung erwarb."46 Sie machte eine humane
Politik.
Humane Politik kontra Einsparungen
In der männlichen Auffassung von Sozialfürsorge
fällt demgegenüber auf, dass hier nicht der Linderung
der Not der Menschen das Interesse galt,
sondern der tatkräftigen Mithilfe des Gemeinderatskandidaten
bei Einsparungen im Sozialbereich.
Sozialfürsorge wurde so zum „unpopulärsten
Amt". Gleichwohl ließ sich im Wahlkampf selbst
dieses Ressort nutzbringend verwenden, indem
man es zu einem besonders schwierigen erklärte.
Ganz anders seine Bewertung von Josefine Werner
: Auch wenn er ihr bei ihrem Ausscheiden aus
45 ebd.
46 Schwarzwälder Tagblatt vom 1.5.1929
46
dem Gemeinderat dafür dankte, dass sie „nie gezögert
" habe, „wenn es galt, sich in den Dienst der
öffentlichen Fürsorge zu stellen", entsteht nicht
das Bild einer tatkräftigen Gemeinderätin. Mit seiner
Charakterisierung der scheidenden Rätin
zeichnet der Vorsitzende eher das Bild einer passiven
, wenn auch jederzeit hilfsbereiten Person,
die sich aus lauter Bescheidenheit nicht in die
Öffentlichkeit traute. Die Einsparungen im Sozialbereich
jedenfalls wurden Josefine Werner nicht
als Verdienst angerechnet; auch Strenge wurde
ihr ebenso wenig bescheinigt wie „mit den hiesigen
Verhältnissen wohlvertraut" zu sein, obwohl
doch gerade sie Not aus persönlicher Anschauung
kannte.
Taten von Frauen spärlich überliefert
Die spärliche Überlieferung der Taten von Frauen
in den offiziellen Quellen macht eine gerechte
Bewertung ihrer Leistungen so schwierig; sie trägt
überdies dazu bei, dass Frauen rasch in Vergessenheit
geraten. Die auf Linderung konkreter Not
gerichteten Hilfeleistungen der ersten Schram-
berger Gemeindepolitikerinnen gaben ihrem Engagement
zusätzlich das Gepräge des Zwischenmenschlich
-Privaten mit der Folge, dass sie nicht
als überlieferungswürdig galten. Nur private Fotografien
, die Josefine Werner als Gemeinderätin
im Kreis von Kochschülerinnen zeigen, bezeugen,
dass die einzige Frau im Männergremium sich
u.a. für Frauenbildung einsetzte.
Dass sich Berta Kuhnts politische Arbeit klarer
zutage fördern ließ als die der beiden anderen
Kommunalpolitikerinnen, ist weniger ihrer
menschlichen Politik als vielmehr ihrer Popularität
zu verdanken. Sie hatte nicht nur im stillen Kämmerlein
gewirkt, sondern war „in der Öffentlichkeit
überaus tätig".47 Ungeachtet der Würdigungen
anlässlich ihres Begräbnisses sank aber auch das
Werk Berta Kuhnts anschließend in Vergessenheit.
Das soziale Engagement dieser frühen Kommunalpolitikerin
wurde sogar soweit aus dem öffentlichen
Bewusstsein verdrängt, dass ihr Name
in der Liste der Gemeinderatsmitglieder seit 1919,
die 1988 zum 75-jährigen Jubiläum des Rathaus-
gebäudes erschien, fehlte.48
47 ebd.
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