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Porträt von Seniorchef Albert Moser (1872-1960)
Foto: Ferdy Dittmar/Stadtarchiv Schramberg
etwas zu erledigen. So stand ich allein, hochaufgeregt
, aber erwartungsvoll vor dem Portierhaus.
Da kam plötzlich ein gut gekleideter, dicker, an
einem Krückstock gehender und offensichtlich
schlecht sehender alter Herr auf mich zu und
wollte wissen, warum ich hier so herumstehen
würde. Ich hatte keine Ahnung, wer das sein könnte
, und sagte sicherlich naiv, dass ich auf den
Herrn Moser warten würde. Zwischenzeitlich hatte
er offensichtlich mein werktägliches Aussehen
zur Kenntnis genommen und wollte noch wissen,
was ich mit seinem Sohn zu bereden hätte.
Ich kapierte: „Ojeh, der alte Moser"\ Vor dessen
Hinzukommen hatte mich Heinz Andrä gewarnt.
Und nun stand er doch da! Mit sicherlich zittriger
Stimme glaube ich gesagt zu haben, dass es um
eine Stelle im Betriebsbüro gehen würde. Das
muss für den alten Herrn sehr schlimm gewesen
sein. Plötzlich fing er an, mit seinem Krückstock
in der Luft herumzufuchteln und mir lautstark
klarzumachen, dass heutzutage kein Mensch mehr
schaffen, aber jeder faul auf dem Büro herumhocken
wolle. Bei ihm komme so etwas überhaupt
nicht in Frage. Außerdem wolle er meine Bewerbungsunterlagen
sehen.
Fritz Moser, der dann mitten im höchsten Krawall
dazukam, hatte alle Mühe, den am nächsten Tag
seinen 75. Geburtstag feiernden alten Herrn zu
beschwichtigen und zum Weitergehen zu veranlassen
. Nachdem er nochmals auf einem Bewerbungsschreiben
bestanden hatte und Fritz Moser
nun doch auch ein solches von mir verlangte,
stapfte der Senior - immer noch lautstark und
aufgebracht - vor sich hinbrummend auf dem
Fabrikhof weiter.
Ich ging - über einen solchen Empfang innerlich
und äußerlich aus dem Geleise gebracht - nach
Hause und schrieb die erste Bewerbung meines
Schreinerlebens. Wenige Tage später erhielt ich
eine positive Antwort mit der erstaunlichen Bitte,
möglichst schon am 2. Juni um 0,60 Reichsmark
Stundenlohn in der Firma anzufangen.
Albert Moser, der „Hofmarschall"
So hatte ich meine ersten Erfahrungen mit diesem
brummigen Alten gemacht und wollte ihm so
wie alle anderen Belegschaftsangehörigen möglichst
aus dem Wege gehen. Dies war gut möglich.
Er tauchte zwar fast jeden Vormittag gegen 11
Uhr, über den Holzplatz kommend, auf dem Fabrikhof
auf.
Aber jeder unterwegs sein müssende Insider konnte
sich auf sein Kommen einrichten, sobald er
seinen Vorläufer, einen putzigen kleinen Dackel,
zu sehen bekam. Dann hatte man immer noch
einige Minuten, um hinter einer Türe oder einem
Spanplattenstapel aus seinem Gesichtsfeld zu
kommen.
Sein Sehvermögen hatte sehr gelitten und konnte
nur über eine Starbrille mit ganz dicken Gläsern
einigermaßen korrigiert werden. Dies war der
Grund, wieso er kaum einmal in die Fertigung
kam. Ersatzweise gab er sich zwangsläufig mit
den Holzplatzarbeitern zufrieden. Diese konnten
ihm zwar nicht ausweichen, waren aber als von
Wind und Wetter gegerbte Naturburschen mit einer
besonders dicken Haut ausgestattet. Die ließen
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