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temberg im Abschiedsbrief des Kaisers von Oesterreich
seine besten Untertanen genannt und
ihre Treue und Anhänglichkeit an ihn ganz besonders
hervorgehoben und belobt wurden, zog
doch der Revolutionsgeist in ihre [der Untertanen]
Köpfe, und von diesem unglücklichen Wahn geleitet
, zogen sie im Herbst 1848 die Steig hinauf,
um in Stuttgart die Regierung zu stürzen. Aber
noch am gleichen Tage kehrten verschiedene von
ihnen die Steig herab in ihre Heimat zurück, und
es wurde mehrere Jahre in Schramberg kein lautes
Wort mehr über diesen Vorfall gesprochen, aus
Angst vor dem Asperg, wo der Kommandant der
Aufständischen seine Strafe absitzen musste."
Der Zug der Schramberger Bürgerwehr mit dem
Ziel Cannstatter Volksfest („Zwetschgenmarsch")
ging vom 26. bis 28. September 1848. Anführer
Anton Jegglin und 13 andere Inhaftierte wurden
gegen Kaution im Dezember 1848 vom Staatsgefängnis
Hohenasperg wieder entlassen. Bis zu ihrem
letztlichen Freispruch beim Schwurgerichts-
prozess 1851 in Rottweil wurden Jegglin und
zwei Mitangeklagte aus Schramberg zeitweise erneut
auf dem Hohenasperg, in Oberndorf und
Rottweil interniert.21
Männer mit „vernageltem Hirn",
Gesang und Scherz
„Die folgenden Jahre", fährt Karoline Grüner fort,
„waren nun, weil die Menschen infolge dieser Vorgänge
eingeschüchtert waren, besonders für die
jungen Leute sehr trübselig, denn sie wurden bei
jeder Gelegenheit beobachtet, ob sie keine revolutionären
Reden führten; ganz besonders gab es
unter den alten Männern damals solche mit vernageltem
Hirn, welche sogar die Gründung eines
Turnvereins nicht zulassen wollten, vorlauter Revolutions
-Angst, besonders weil die Turner ein 'rebellisches
' Lied (Turner, auf zum Streite) sangen.
Aber die jungen Männer fanden einen Weg und
Ort, wo sie unbeobachtet zusammenkommen
konnten, um nach Tages Arbeit noch einige Stun-
21 s. D' Kräz-Sonderheft: Beiträge zur Geschichte der Revolution
von 1848/49 in Schramberg (1998), insbesondere die
Beiträge von Hans-Joachim Losch zum sogenannten Zwetschgenmarsch
und dem Schwurgerichtsprozess, S. 33-61
den bei Gesang und Scherz für ihren Geist zu sorgen
. Im heutigen, noch von den Nachkommen des
Webers Hör bewohnten Haus im Göttelbach kamen
sie zusammen, denn der Weber Hör besaß
einen Sohn namens Johannes. Er war der besttalentierte
Schüler von Schramberg in der damaligen
Zeit, und hätte so gerne studiert als Lehrer, aber
seine Gesundheit war zu schwach dazu. Er starb
in jungen Jahren, jedoch Talent und Liebe zum
Lehrerberuf pflanzte sich in der Familie Hör fort
und vererbte sich auf den Großneffen des Johannes
, den derzeitigen Hauptlehrer in Altoberndorf
Herrn Oskar Domeier.
In der Werkstatt des Webers Hör hielt Johannes
seinen Altersgenossen lehrreiche Vorträge. So wurde
dieselbe zum Hörsaal für die wissensdurstigen
Jungmänner von Schramberg, und wenn diese
dann über den Weg (zwischen der H.A.U.) nach
Hause gingen, ertönte oft noch irgendein schönes
Volkslied im schönen stillen Göttelbacher Tal."
Kronprinz und Kronprinzessin auf der
„reich verzierten Steig"
Im Jahre 1861 wurde die erste Telegraphen-Leitung
an der Steig zwischen Schramberg und Oberndorf
erstellt. Am 25. Mai desselben Jahres besuchte
Kronprinz Karl von Württemberg mit seiner hohen
Gemahlin, Kronprinzessin Olga, Schramberg, wobei
dieselben sowohl die Strohhutfabrik als auch
die Steingutfabrik besichtigten. [...]Nachdem die
Majestäten die Fabriken besichtigt und sich sehr
anerkennend darüber ausgesprochen hatten, fuhren
sie zum gräflichen Schloss, wo sie sich zwei
Stunden aufhielten, um dann die reich verzierte
Steig hinauf zum Besuch der gewerblichen Ausstellung
in Rottweil weiterzufahren, unter brausendem
Jubelruf der Bevöllkerung. Gar viele Einwohner
von Schramberg fuhren anfangs der sechziger
Jahre auf Leiterwagen nach Rottweil, sowohl
zur Besichtigung der Ausstellung als auch zu einer
dort stattfindenden Schwurgerichtsverhandlung,
welche Schramberg des Näheren betraf [...] 23"
22 Strohhutfabrik Haas und Firma Uechtritz und Faist; zum
Besuch in Schramberg und zum Kronprinzen- und späteren
Königspaar s. Egon Herold: König Karl von Württemberg
(1864-1891) - Würdigung zum 100. Todestag; in: D' Kräz
Nr. 11 (1991), S. 24-33
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