Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., TM 98/1280
Lebendiges Freiburg: zwischen Tradition und Fortschritt; zum 30jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild
Freiburg im Breisgau, 1997
Seite: 43
(PDF, 15 MB)
Bibliographische Information
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Regionalia

  (z. B.: IV, 145, xii)



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wütenden Bildersturm (dem gebildeten Humanisten natürlich Ausdruck purer Barbarei). Deshalb
war Erasmus von Basel hierher in das katholisch beherrschte Freiburg geflüchtet. Seit 1514
war er immer häufiger nach Basel gekommen, hatte seine Werke dort bei Froben verlegt; seit
1521 hatte er dann in Basel seinen ständigen Wohnsitz. Hier am Oberrhein befand sich damals
eine Drehscheibe der europäischen Kunst und Kultur. Seitdem Maximilian Burgund erheiratet
und sein Sohn Philipp Spanien hinzugewonnen hatte, lag die Regio - Basel-Freiburg-Straßburg
- im Zentrum des Habsburger Weltreichs, an der Schnittstelle der Achsen von Wien nach Brüssel
und nach Madrid. Hier stauten sich die großen Entwicklungsströme der Zeit, hier prallten die
Wogen aufeinander: Reformation und Bauernkrieg vor allem. Kein Wunder, daß Erasmus den
Mars fürchtete wie nichts anderes. Und daß er die Pax ersehnte mit grenzenloser Leidenschaft.
„Die Theologen sollen sich alle zusammenschließen gegen den Krieg, sollen allesamt eifern
gegen ihn, öffentlich und privat den Frieden predigen"; so hatte Erasmus schon 1517 in seiner
„Klage des Friedens" geschrieben. Wie so viele Visionäre (die wir gerne als Idealisten abqualifizieren
) ist Erasmus an der Praxis gescheitert.

Wie eingangs zitiert, schrieb er am 15. Juli 1529: „...wenn Mars mich nicht von hier vertreibt."
Der Brief berichtet sodann über einen Gesprächspartner, den Erasmus hier in Freiburg fand und
über den er urteilt: „...ich habe in Deutschland noch nichts gesehen, was ich so bewundert
hätte wie den Charakter des Ulrich Zasius. Er ist die Lauterkeit selbst, nicht nur lauter gegenüber
seinen Freunden. Körperlich altert er [Zasius war 5 Jahre älter als der damals 63jährige Erasmus
und ist ein Jahr vor ihm gestorben], aber es ist kaum zu glauben, wie er geistig noch ganz frisch
ist, seine Urteilsschärfe und sein Gedächtnis haben in keiner Weise gelitten. Ein so schlagfertiges
, witziges, treffendes und inhaltlich gut improvisiertes Reden habe ich selbst bei einem Italiener
bisher nicht bemerkt..."

Mit Ulrich Zasius sind wir bei einem anderen Humanisten am Oberrhein, geboren in Konstanz
und nach dem Studium in Tübingen seit 1494 hier in Freiburg, von 1500 bis 1503 als Ordinarius
auf der Humanistenlektur, dem Lehrstuhl für Poetik also, gleichzeitig Stadtschreiber und Leiter
der Lateinschule der Stadt, dann seit 1506 Professor für Jurisprudenz und Mitgestalter der
modernen Rechtswissenschaft, hochgeehrt als akademischer Lehrer. Seine Vorlesungen legte er
(absichtlich) auf dieselben Zeiten, zu denen sein Nachfolger in der Poetikprofessur - Jakob
Locher - zu lesen pflegte. Das war nicht nur eine persönliche Intrige zwischen den beiden. Es
ging um Funktion und Selbstverständnis des Humanismus im Gefüge der anbrechenden Neuzeit
. Die Kontroverse reichte in Grundfragen der europäischen Geistesgeschichte, wie Dieter
Mertens dies aufgezeigt hat.

Die Universität Freiburg wurde 1460 vom Gründungsrektor Matthäus Hummel mit dem Satz
geadelt: „Die Weisheit [die sapientia, die, wie der Humanist Hummel wußte, auch einfach Bildung
bedeutete] hat sich hier ein Haus gebaut". Sie spielte durchaus ihre Rolle in dieser Schlüsselfrage
für den weiteren Schicksalsweg Europas: Soll der Geist oder das Sachwissen, soll die
Inspiration der Dichter und Denker oder soll die empirische Forschung der Wissenschaftler die


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