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Die Markgrafschaft

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Die Stadt ohne Wunden / Von L. Börsig

Eindrücke von einer Reise in die Schweiz

Der Himmel ist in ein trübes Grau gehüllt. Es
riecht nach Regen. Im gut besetzten Frühzug
Freiburg—Basel drehen sich viele Unterhaltungen
um eine gemeinsame Absicht: die Reise in
die Schweiz. Verwandte, Mustermesse, alte Geschäftsbeziehungen
. Man hat einen Tagesschein
für „dringende Familienangelegenheiten" oder
ein kleineres, verhältnismäßig unscheinbares
Papierchen zum Besuch der Messe. Eines ist
merkwürdig und verleitet zu gewissen Uber-
legungen: da ist man während des Krieges, in den
verlorenen Jahren, durch halb Europa bis an die
Grenze Asiens marschiert und gefahren. Man hat
sich nicht mehr viel aus Grenzen gemacht. Es
war schon so selbstverständlich und außerdem
befohlen. Und jetzt geht man nur gewissermaßen
auf einen Sprung ins Nachbarhaus hinüber und
man empfindet eine leichte seltsame Beunruhigung
, wie vor einem Abenteuer. Es ist lächerlich
vielleicht, gewiß, es handelt sich um dreißig
Bahnkilometer, eine gute Stunde bis Basel, früher
das Sonntagsziel manches Oberländers, heute aber
geht der Besucher durch stachlige Hindernisse,
bürokratischer und geistiger Art. Der Übergang
geht ziemlich rasch und reibungslos vor sich.
Hie und da wird einer von den deutschen Zöllnern
höflich aber bestimmt aufgefordert mitzugehen
. Aber an diesem Sonntagmorgen scheinen
keine „Fälle" dabei zu sein. Die Schweizer
Kontrolle frägt, wann man das letzte Mal in der
Schweiz gewesen sei. Sie schaut dann auch in
einem dicken Buch nach. Es heißt, daß es ein
Buch der Unerwünschten ist. Dann steht man in
Klein-Basel. Die Wechselstube ist noch geschlossen
. Auf dem Wege quer durch die Stadt zum
Schweizer Bahnhof — man geht zu Fuß, weil
man noch keine Fränkli besitzt — fängt es sachte
an zu rieseln. Schade. Vor den Messehallen
stauen sich bereits die Besucher. Es ist halb acht.
Der Tag wird hier noch Betrieb bringen. Wir
kommen zur „Mittleren Bücke". Am südlichen
Ufer beginnt Alt-Basel. Vom Rhein, der hier
wohl ein Strom zu werden beginnt und unterhalb
der „Unteren Brücke" nach Norden biegt,
am Rheinknie, „dort, wo de Rhy go Norde
zieht... ", weht ein kalter Aprilwind. Aber es
ist doch schön, so mitten über dem Rhein zu
stehen und den Blick hinauf- und hinunter
schweifen zu lassen, zu den oberen Brücken, und
hinab zu den Anlegstellen für die Hafenboote, die
jetzt still und sauber am Ufer liegen. Dann sind
wir im eigentlichen Basel, in der reichen, auf eine
lange Geschichte zurückblickenden Stadt, in der
Stadt ohne Zerstörung, ohne Kriegswunden, in
der es wohl kaum ein Haus gibt, dessen Fassade
nicht gewissermaßen sonntäglich und auf Besuch
eingerichtet wäre. Zumindest ist das so in der
„Freien Straße", einer der Hauptgeschäftsstraßen
, durch die wohl die meisten Besucher aus
Deutschland in die Schweiz kommen und in der
sich ein fast lautloser Großstadtverkehr abwickelt
. Selbst die Straßenbahnen huschen hier
schneller als anderswo hindurch. Sie sind zum

Teil sehr modern eingerichtet. Der Führer sitzt
an einem Steuer, die Wagentüren schließen sich
automatisch, der Schaffner befindet sich in einem
Glashaus. Er kann es getrost tun. Denn hier wirft
man nicht mit Steinen. Die Wagen, die nach
Klein-Basel zur Messe fahren, sind überfüllt.
Aber hier, wie auch, was wir später auf der Messe
selbst feststellen, gibt es kein Drängen, Schimpfen
und Stoßen. (Wer aus München käme, wäre
baß erstaunt.) Man verträgt sich. Auch die alten
und modernen Häuser vertragen sich. Man stößt
sich nicht, wozu auch? Davon gibt's höchstens
Scherben, aber keine Fränkli. Da ist der alte
Fischmarktbrunnen, einer der schönsten Brunnen
in Basel, wie uns versichert wird. Dahinter
ein großes Haus. Kommerzienstil. Aber dezent.
Vom Schweizer Bahnhof her steigert sich der
Verkehr; Wie gesagt, schade, daß der Wettergott
so schlecht aufgelegt ist. Während wir an den
großen Fresken des Rathauses hinaufschauen,
schlägt uns der Regen in die Augen. Wir sind
froh, als wir am Schweizer Bahnhof angekommen
sind. Dort spürt jeder sofort den internationalen
Charakter der Stadt und des Landes. Dunkelhaarige
Italiener, Franzosen aus der Westschweiz,
Engländer, Berner und Züricher, selbst gelbhäutige
Asiaten quirlen lebhaft durcheinander.
In der Wechselstube geht der Umtausch unserer
10 DM glatt vor sich. Acht Franken, bitte schön.
Es wird uns nicht schwer fallen, sie in Ware
umzusetzen. Mein Begleiter macht mich darauf
aufmerksam, daß man auf den Bahnsteig ohne
Karte kommt. Es gibt keine Sperre. Die Probe
auf's Exempel stimmt. (Die deutsche Bundesbahn
könnte manches einsparen, denkt der Steuerzahler
in uns. Aber das wäre eine Revolution,
und dies ist in Deutschland verboten. Genehmigungen
zu Revolutionen gibt es leider noch
keine, wer sollte für die Ausstellung eines solchen
Papiers auch zuständig sein?) Als wir vom Bahnsteig
zurückkommen, fällt unser Blick in eine
dunkle Ecke. Ein paar Jugendliche mit langen
Haaren — eine Maid ist auch dabei — spielen
Karten. Man hat uns aus London berichtet, daß
das englische Jugendproblem das gleiche sei wie
das deutsche oder französische. So etwa, ganz am
Rande freilich, scheint diese Feststellung auch
auf die Schweiz zuzutreffen. Es liegt also doch
nicht allein an der Kriegsverwilderung? —

Ein Besuch in einem der wenigen um diese Zeit
schon geöffneten Restaurants verläuft erfreulich.
Man ist gut bürgerlich, zuvorkommend, auch
anderen, bereits ziemlich fröhlichen Gästen
gegenüber. Von diesen bittet einer die Wirtin um
zehn Franken. Er hat offenbar seine Brieftasche
in einem Hotel gelassen. Die Wirtin gibt sie ihm
ohne Bedenken. Der Fröhliche hat sich ein Taxi
bestellen lassen und fährt zu seinem Hotel. In
zehn Minuten ist er wieder da. Man wundert sich
hierüber keineswegs. —

Für uns wird es Zeit zum Besuch der Schweizer
Messe. Wieder geht es von Groß-Basel nach
Klein-Basel. Der Regen hat nachgelassen, und


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