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Die Markgrafschaft
zehn Jahren ein Stipendium erhielt, nach Karlsruhe
kam, um dort eine Lehre in einer lithographischen
Anstalt durchzumachen.
Nach der Tagesarbeit besuchte er die Abendkurse
der Karlsruher Kunstgewerbeschule, wo
sein Eifer noch mehr angespornt wurde. Später
erfüllte sich ein heißer Wunsch von ihm, er
konnte auch die Tageskurse der letztgenannten
Anstalt mitmachen, wo der damalige Direktor der
Kunstgewerbeschule, Hermann Götz, die Professoren
Groh, Eyth, sowie die Lehrer Göler und
Hein ihm Freund, Berater und Helfer wurden.
Professor Dietsche meinte zwar immer, Glattacker
solle sich der Bildhauerei zuwenden, doch
blieb der junge begabte Schüler bei seinem nun
mal eingeschlagenen Weg. Er lernte hier richtig
zeichnen nach der Natur, machte auch eigene
Kompositionen, schuf graphische Entwürfe und
begann mit Illustrationen.
Er war inzwischen 22 Jahre alt geworden, als
er in die Heimat zurückkehrte und kurze Zeit in
Basel als Zeichner und Lithograph tätig war.
Allerdings mit wenig innerer Befriedigung. Der
Drang in ihm, seine Kenntnisse zu vertiefen, zog
ihn wieder nach Karlsruhe zurück, wo er nun auf
der Akademie sich weiter ausbildete.
Das war im Jahre 1901. Dort saß damals der
heute bekannte Dichter und Maler Hermann
Burte neben seinem alemannischen Landsmann.
In dieser Zeit entschloß sich Glattacker, Illustrator
zu werden. Wie weit sein damaliges Können
war und wie fleißig er arbeitete, beweisen
seine Illustrationen zu „Hebels Schatzkästlein",
die ihm, dem heimattreuen Gestalter, viel innere
Freude bereitet haben. Es war um jene Zeit, als
Glattacker erstmals Proben von Porträts wohl
gelangen und er vor allem im Zeichnen von Tieren
und Landschaften zu einer künstlerischen
Reife gelangt war.
Seine Eltern waren inzwischen von Wehr-
Enkendorf nach Weil a. Rh., in des Vaters Heimat,
wieder übergesiedelt. Für den jungen Maler war
das insofern sehr günstig, als er in unmittelbarer
Nähe von Basel war, jener stolzen Stadt am
Rheine, der auch er so vieles zu danken hat.
Bewundernd stand er im dortigen Museum vor
den Werken Holbeins, begann zu kopieren und
wandte sein Interesse auch dem Niederländer
Teniers zu.
Der Drang zu schaffen und zu gestalten ließ
ihn nun nicht mehr zur Ruhe kommen. Ein kurzer
Aufenthalt zu Freiburg i. Br. läßt ihn mit Professor
Fritz Ludin bekannt werden, in dessen
Haus er viel verkehrt. Dieser wird ihm wohlmeinender
Freund und Berater und regt den
jungen Glattacker an, seinen Blick an den großen
Meistern zu weiten. Eine ihm wohlgelungene
Kopie „Spielende Kinder" von Feuerbach erbringt
ihm so viel, daß er 1907 nach Paris kann.
Mitte April steigt er am Gare de l'Est aus.
Sein Gepäck ist groß und schwer. Der Koffer
allein wiegt 1% Zentner. Kein Wunder, denn
neben den verschiedenen Habseligkeiten liegt
darin für die tägliche sportliche Übung eine
Stemmkugel von 10 Kilo. Im siebten Stockwerk
eines Hauses in der Südstadt kommt er unter.
Das Leben dieser Kunststadt stürmt auf ihn ein.
Er wandert von einem Museum in das andere,
betrachtet und nimmt in sich auf. Im Louvre
bleibt er bewundernd vor der „Madonna mit dem
grünen Kissen" von Andrea del Solario, jenem
Meisterwerk des Lehrers eines Leonardo da Vinci
stehen, ist durchdrungen und beseelt von der
Größe wahrer Kunst. So beginnt er hier zu
arbeiten.
Drei Jahre hindurch blieb er in Paris. Die
Zeit ist ihm zu seiner eindrucksvollsten geworden
. Ein schlichtes Bauernmädchen aus der
Bourgogne wird anno 1909 seine Frau, die ihm
seinen ersten Sohn namens Roger schenkte. Er
kopierte fleißig, arbeitete für Verlage in Deutschland
und in der Schweiz, empfing unheimlich viel
Anregungen in Paris, und trotzdem, wenn er von
seiner Künstlerklause über die Dächer der Weltstadt
zu den aufragenden Türmen sah, dann ging
bei all dieser Schönheit das große Heimweh durch
seine Seele. Mit der Absicht, nach Italien zu
ziehen, kam er 1910 nach Weil a. Rh. zurück.
Äußere Schwierigkeiten, die Schwere und Härte
des Lebenskampfes, vereitelten jedoch diesen
Plan. Eine kurze Zeit weilt er in Kaysersberg,
inmitten einer weingesegneten Landschaft drüben
im Elsaß und wandert von dort oft und gerne
dem Rheine zu, wo er im Unterlinden-Museum
zu Colmar überwältigt ist von dem größten Werke
deutscher Kunst, das im Isenheimer Altar uns
Matthias Grünewald geschaffen hat.
Seine Wanderlust, die von jeher in ihm war,
brachte ihn dann nach Köln a. Rh. Dort schuf er
nach dem Meister Stefan Lochner die „Madonna
im Rosengarten", eine durch ihren Fleiß und Hingabe
wohlgelungene Arbeit, die sich in Lörracher
Privatbesitz befindet.
Seinen Wohnsitz nimmt dann Glattacker später
in Riehen bei Basel, wo er nun beginnt, eigene
Originale zu schaffen. Der Romantiker dringt in
ihm durch. Er fängt an mit Illustrationen von
Märchen und vertieft sich in Hebels Geschichten.
An Schüler erteilt er Malunterricht und kann in
dieser Zeit auch mit seinen Bildern bei einer
Ausstellung im Jahre 1913 zu Freiburg i. Br. die
Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Dann kam der Weltkrieg. Er rückt im Herbst
1915 beim Res.-Inf.-Regt. 40 in Mannheim ein
und findet später als Dolmetscher bei der Kommandantur
in Brüssel Verwendung. In diesen
harten und schweren Kriegs jähren hat ihn sein
Humor nie verlassen. Heute noch werden in seinem
Heim die Postkarten und Zeichnungen viel
beachtet, mit denen er die Seinen aufheiterte und
gleichzeitig vielen andern Freude damit bereitete.
Sein Wunsch, einmal ein kleines Bauerngut in
seiner alemannischen Heimat, im Lande Hebels,
zu erwerben, ließ sich nach dem Kriege durch die
Mithilfe von Freunden ermöglichen. So kam er
nach Riedichen bei Zell i. W. Um das kleine Gut
weiden Kühe, Ziegen und Schafe, und oft und
gerne setzt sich der Maler auf einen Baumstamm,
holt sein Skizzenbuch heraus . und beginnt nach
der Natur zu zeichnen. So hielt er es auch auf
seinen vielen Wanderungen und Streifzügen
durch Wald und Flur. Darum ist ihm die Flora
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