Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1953-05/0003
Die Markgrafschaft

Nr. 5/5. Jahrgang Monatszeitschrift des Hebelbundes Mai 1953

will & vetweltte?

Wenn Zechbrüder in vorgerückter Stunde und
noch vorgerückterer Weinseligkeit mit Stentorstimmen
und dem Brustton der Überzeugung
anstimmen: „Ne Trunk in Ehre, wer will's verwehre
, wer?" und damit J. P. Hebel als Kronzeugen
für ihren erheblichen Durst zitieren, so
scheint mir immer genau das Gegenteil davon
in die Wirklichkeit umgesetzt zu sein, was der
Dichter eigentlich meint und sagen will. Denn
wenn diese angeheiterte Tischrunde das in dem
bekannten Satz für Männerchor allzu kräftig
hervorgehobene: Wer? hinausschmettert, so dünkt
es einen, sie wollen Hölle, Teufel und Tod herausfordern
. In Wirklichkeit sagt nämlich Hebel
sehr deutlich: Wer? — nennt ihn in den beiden
letzten Versen, die auf diesen Satz kaum singbar
sind: nämlich den Tod — und hat den Wer auch
schon vorher vernehmlich anklingen lassen mit
dem jeweiligen: „In Ehre" und das bedeutet
doch: in der rechten Haltung vor Gott und vor
sich selbst.

Unser diesjähriges Hebeltag - Gedenkzeichen,
das Hebeltüchlein, zeigt die Beschriftung: „Ne
Gsang in Ehre, ne Trunk in Ehre, ne Chuß in
Ehre — wer will's verwehre" und trägt zur
Versinnbildlichung sehr gute Wiedergaben von
„Hans und Vrene", von der „Häfnetjungfrau",
von Ludwig Richter und zwei Vignetten, eines
mit Flasche und Chrüsli und eines mit dem
Stundenglas. Mir scheint durch diese Symbole
der Sinn des Gedichtes am besten interpretiert,
ja überhaupt Wesentliches darin an- und ausgedeutet
zu sein, was Hebel uns sagen möchte und
zu mahnen nicht müde wird: die junge Liebe in
ihrer zarten Keuschheit, die Gefahr der Hoffart,
die rechte Freude am Genuß und das Sich-
bewußt-bleiben eigener Vergänglichkeit. Es wäre
einmal die Aufgabe einer größeren Abhandlung,
aufzuzeigen, was wir hier und zum diesjährigen
Hebeltag nur andeutungsweise uns sagen lassen
wollen, was Hebel aus diesen vier recht landläufigen
, ja trivialen und abgedroschenen Motiven
Eigenständiges und Wertvolles geschaffen
und gestaltet hat.

In seinen Liedern von der jungen Liebe
(„Hans und Vrene", „Die Überraschung im Garten
", auch im „Bettler"), die in einer unendlich
zarten Melodie erklingen, sind immer zwei junge
Menschen von höherer Macht her füreinander
bestimmt. Wo eine fremde Hand mit wesensfremden
Motiven gekuppelt hat, da rächt es sich
später unweigerlich in der Ehe (wie beim Üeli
und dem Vreneli im „Statthalter von Schopf-
heim" oder beim Michel und dem Kätterli im
„Karfunkel"). Ja, gegen den Willen der Eltern
führt der Simmefritz in „Riedligers Tochter" sein

Eveli heim und fährt gut mit ihm. Bei Hebel
werden in der Tat die Ehen noch im Himmel
geschlossen, und die jungen Liebenden folgen
mit der Stimme ihres Herzens nur den Spuren
dieses von oben her gelenkten Schicksals.

Dagegen kann das Schloßfräulein, die „Häfnetjungfrau
" mit ihrer Arroganz keinen Mann bekommen
, obwohl ihr die Untertanen wünschen:
„Nähm die numme ne Maa im Elsiß oder im
Brysgau oder wo der Pfeffer wachst!" Diese ihre
Hoffart wird trotz dringlicher Mahnung mit den
fortschreitenden Jahren immer überspannter und
grausamer und straft sich nach dem Tod in
schrecklicher Weise. Dies Motiv des bestraften
Hochmuts wird von Hebel sehr gerne ausgesponnen
und in den Kalendergeschichten mit einer
wahren Wollust wieder vorgenommen. Denn der
Anspruchsvolle ist für den Dichter der entartete,
entgleiste Mensch, der seine Strafe geradezu
herausfordert.

Darum gilt für Hebel auch, die Freuden des
Lebens dankbar hinnehmen und genießen, aber
nie sie fordern wollen oder glauben, sie beanspruchen
zu dürfen. Das wäre ein Frevel gegen
die Gaben, die dem Menschen schon von oben
her zu- und eingeteilt, rationiert sind, und die
menschliche ratio, die Vernunft, muß damit recht
umzugehen wissen, damit der Mensch seine
Freude daran behält. Denn neben dem
vollen Glas voll Rebensaft steht
bei Hebel immer auch das Stundenglas
mit dem rieselnden Sand; wie
dem Menschenleben Maß und Ziel
gesetzt sind, so gilt es, auch Maß
zu halten im Genuß der irdischen
Freuden. Gerade dies Memento mori hat für
Hebel einen tiefen Klang und bedeutet für ihn
nie etwa nur ein: „Freut euch des Lebens, weil
noch das Lämpchen glüht", sondern den wohl
ausgewogenen Ausgleich zu den Freuden der
höheren Welt, wie der Ätti in der „Vergänglichkeit
" es ausspricht: „Un haltsch di guet, se
chunnsch in sone Stern, un 's isch der wohl!"

Ein großer Reichtum tut sich uns doch immer
wieder auf in Hebels Dichtung, und erst recht
seine alemannischen Gedichte bedeuten ein
„Schatzkästlein" von ungeheurem Wert. Anton
Fendrich sagt von Hebel: „Er war ein Fürst der
Einfalt und verteilte Reichtümer, ein ahnungsloser
Krösus". Greifen wir kecklich zu und
nehmen wir's ihm ab, er hat uns noch viel zu
sagen — oder wieder viel zu sagen. S o wollen
wir's uns deuten: Seine große und hochstehende
Lebensweisheit uns anzueignen, wer will's verwehre
?

Richard Nutzinger


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1953-05/0003