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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1955-11-12/0020
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Die Markgrafschaft

bis sich die in ihren Grundelementen aufgewühlte
Natur wieder beruhigt hatte, doch konnte
sie dafür ihr Haus erreichen, ohne von einem
Tropfen durchnäßt worden zu sein. Darüber
hinaus war das Glück auf ihrer Seite gewesen,
da das Heu von ihren Matten rechtzeitig unter
Dach gekommen war, und ihre Reben, die weiter
dem Taleingang zu gelegen waren, wo das Wetter
nicht so heftig gehaust hatte, waren ebenfalls
verschont geblieben. Sie war Gott für dieses
Glück zutiefst dankbar. Aber wie oft trifft
daß Sprichwort zu, daß des einen Freud' des
andern Leid ist? Die reiche Witwe bekam nun
noch mehr Neider im Tal. Die Leute, im Aberglauben
befangen, kamen nicht von der Frage
los, warum gerade die Wohlhabendste im Tale
von dem Unwetter hatte verschont bleiben müssen
, warum sie, die Ärmsten, es so stark zu
spüren bekommen sollten. Wie konnte eine Frau
nach solch einem Unwetter ohne die geringste
Spur des Regens und Hagels an ihrem Gewände
nach Hause gehen, wo doch andere, die sich auch
auf dem Felde befunden hatten, naß bis auf die
Haut und zum Teil nicht wenig verletzt waren,
als das Gewitter sich verzogen hatte.

Obwohl Gundel auf derartiges Geschwätz
nicht groß hinhörte, bekam sie es doch zugetragen
. Achselzuckend wies sie die Neider zurück,
indem sie meinte, die anderen hätten auch beizeiten
nach dem Himmel schauen können und
um einen Unterschlupf besorgt sein sollen. Noch
lachte sie, aber bald wurde es ihr anders zumute.

Als sie eines Morgens in ihrer Stube saß, trat
der Knecht herein. Frau Gundula erschrak fast,
als sie sein totenblasses Gesicht bemerkte. Auf
die Frage, was vorgefallen sei, berichtete er seiner
Herrin, wie er beim Öffnen des Hoftores
festgestellt habe, daß drei Späne aus dem Torbalken
gehauen seien, in der mittleren Kerbe
aber habe er den Brief gefunden, den er hier in
den Händen halte. Dabei übergab er der Wirtin
einen sauber gefalzten und versiegelten Brief,
wobei ihm die Hände von dem erlittenen
Schrecken noch zitterten. Frau Gundula versuchte
, ihn zu beruhigen und goß am Schanktisch
ein Glas Schnaps ein, das sie ihm anbot.
Dabei hatte sie selbst Mühe, ihrer Erregung
Herr zu werden, denn sie wußte sehr wohl, daß
dieses Papier da ein Ladebrief der Heiligen
Feme war. Inständig bat sie den Knecht, niemanden
ein Wort über den Vorfall zu erzählen,
was er als treuergebener Diener seiner Herrin
auch versprach. Dann nahm Gundel den Brief
und machte sich auf den Weg zur Burg nach
Badenweiler, wo sie den Kaplan aufsuchte, der
ihr Beichtvater war. Von ihm ließ sie sich den
Inhalt des Schreibens vorlesen, denn wie die
meisten Frauen ihrer Zeit beherrschte sie diese
Kunst nicht. Der Seelsorger war bestürzt. Gundel
Grynner wurde in dem Brief wegen Abfall
vom Christenglauben, Verachtung der zehn Gebote
, Frevel gegen Gott durch Ausübung von
Zauberei und Hexerei vor den Stuhl der Feme
geladen. Binnen einer Frist von sechs Wochen
und drei Tagen hätte sie sich — so hieß es weiter
— auf der Gerichtsstätte am Brudermattfelsen
einzufinden. Die Antwort wäre in der
Feldkapelle auf der Schwärze niederzulegen.
Betrübt ließ der Kaplan das Blatt sinken und
wendete sich an seine Besucherin: „Das ist eine
unangenehme Sache", begann er nach kurzem
Schweigen. „Wenn ich Euch auch als gute und
fromme Christin kenne, so müssen wir doch auf
das Schlimmste gefaßt sein. Doch ich habe Hoffnung
, denn in kurzer Zeit soll der Herr Markgraf
hier eintreffen. Er ist kein Freund des
Heimlichen Gerichtes und wird sicher dagegen
eingreifen. Verhaltet Euch also so lange still in
Eurem Hause und laßt mich mit dem Herrn
Markgrafen sprechen'1.

Einigermaßen beruhigt durch den tröstlichen
Zuspruch des ehrwürdigen Herrn ging Frau
Gundula nach Hause. Und als nach einigen Tagen
der Kaplan einen Boten schickte und sagen
ließ, der Herr Markgraf sei in den nächsten
Tagen zu erwarten, da faßte die Wirtin neuen
Mut und ließ sich duch die Drohung der Feme
nicht mehr beirren.

Ganz erschrocken aber war der geistliche
Herr, als plötzlich der Knecht aus dem Dolden
bei ihm erschien und ihm meldete, seine Herrin
sei seit dem gestrigen Abend verschwunden. Der
Markgraf war gerade an diesem Tage auf der
Burg eingetroffen. So konnte der Kaplan diese
Nachricht seinem Herrn gleich mitteilen. Wütend
schritt Markgraf Chistoph im Gemach auf und
ab und schwur, er wolle nicht ruhen, bis er dem
heimlichen Treiben der Feme ein Ende bereitet
habe. Von Bartel, dem Knecht, ließ sich der
Markgraf nochmals die Ereignisse des vergangenen
Tages schildern. Aber er wußte nicht mehr
zu sagen, als daß seine Herrin am Nachmittag
gegen die fünfte Stunde zu den Mähdern auf die
Schwärzematten gegangen war, mit denen sie
noch gesprochen hatte und die sie die andere
Seite der Anhöhe gegen Britzingen zu hatten
hinabgehen sehen. Von da ab fehlte jede Spur.
Als man sich nach diesem Bericht des Knechtes
gerade Gedanken machte, wen die Doldengundel
wohl in Britzingen habe aufsuchen können, kam
von ungeahnter Seite her tiicht in die Angelegenheit
. Berthold, der Hütebub vom Guggmüller
in Schweighof, ließ sich beim Burgvogt melden,
er habe dem Herrn Markgrafen etwas Wichtiges
zu berichten. Mürrisch wollte der Burgvogt den
späten Gast abweisen, als der Markgraf sich
einmischte, der für seine Untertanen jederzeit
ein offenes Ohr hatte. Berthold betrat schüchtern
das Zimmer und verneigte sich vor dem Markgrafen
. Der ermunterte ihn und unter dem gütigen
Zuspruch erzählte der Bursche, was er erlebt
hatte. Er wäre mit seinen Ziegen droben im
Klemmbachtal auf die Weide gegangen und hätte
sich — ermüdet vom vielen Laufen — ein wenig
in einem der alten verlassenen Bergwerksstollen
zur Ruhe niedergelegt. Dabei wäre er fest eingeschlafen
und erst bei sinkender Sonne wieder
erwacht. Als er gerade den Stollen verlassen
wollte, um nach seinen Tieren zu sehen, hätte er
drei Männerstimmen gehört, von denen die des
Müllers Rudi ihm bekannt vorgekommen wäre.
Er hätte jedoch sein Versteck nicht verlassen,


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