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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1955-11-12/0022
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Die Markgrafschaft

Weg fort, um die kranke Tante zu besuchen, die
nach ihr geschickt hatte. Und damit ging sie in
die Falle. Denn als sie jenseits der Sattelhöhe
am Waldrand hinabwanderte, raschelte es plötzlich
rechts vor ihr in den dichten Büschen, und
noch ehe Frau Gundula recht zur Besinnung
warn, waren die Reitersknechte schon über ihr.
Noch bevor sie sich wehren konnte, hatte man
ihr einen Knebel in den Mund gezwängt, einen
Sack über den Kopf geworfen und die Hände auf
dem Rücken gefesselt. Keinen Schrei vermochte
sie mehr auszustoßen, und mehr stolpernd als
gehend mußte sie den Männern folgen, die sie
auf die Burg brachten. Nachdem sie dort in ein
Gemach mit vergitterten Fenstern geführt worden
war, löste man Fesseln und Knebel und ließ
sie allein. Doch nicht lange hatte sie über ihr
Mißgeschick nachgrübeln können, als die Tür sich
auftat und der Neuenfelser hereintrat. Höhnisch
lachend stellte er sich breitbeinig vor sie hin:
„Da haben wir den Vogel gefangen, der gerne
ein eigenes Lied pfeifen möchte! Aber die Lust
wird Euch vergehen. Hört mich gut an, Gryn-
nerin, es geht für Euch nicht nur um Hab und
Gut, sondern auch um Leib und Leben. Wenn
Ihr die Briefe, mit denen Ihr den Besitz der
Schwärzematten nachzuweisen gedenkt, freiwillig
herausgebt, seid Ihr frei. Ihr müßtet dann
nur schwören, keine Klage zu erheben gegen das,
was Euch geschehen ist. Wollt Ihr das?'' Doch
stolz und selbstsicher kam die Antwort der
Doldenwirtin: „Mein Recht ist klar und eindeutig
. Ich lasse es mir nicht nehmen. Noch gibt
es Gerichte in unserer badischen Herrschaft, die
sich nicht einschüchtern lassen, Herr Ritter, so
wenig wie Ihr mir selbst Angst machen könnt!"
„Überlegt Eure Worte wohl", begehrte da der
andere auf, „die Matten sind mein. Daß sie Eures
Mannes Großvater meinem Ahn für ein Spottgeld
abgetrotzt hat, gibt Euch kein Recht darauf.
Schickt nach den Briefen oder Ihr werdet den
Schaden tragen müssen!" Frau Gundula aber
war nicht aus der Ruhe zu bringen. Fest und
entschlossen entgegnete sie: „Ihr habt meine
Antwort gehöt, Herr Ritter von Neuenfels, und
eine andere kann ich Euch nicht geben. Und was
die Briefe anbelangt, die sind in Sicherheit —
beim Burgvogt von Badenweiler. Der wird sie
Euch kaum geben!"

„Nun gut!" brauste da der Burgherr zornig
auf, „ich lasse Euch zwei Tage Zeit, Euren Starrsinn
zu ändern. Bekomme ich dann keine
günstige Antwort, so wird Euer Blut über Euch
kommen!" Sprach's und machte auf dem Absatz
kehrt, verließ das Zimmer und drehte den
Schlüssel im Schloß um. Zweimal noch versuchte
er es, die Frau zu bewegen, ihren Willen zu
beugen, doch war es vergebliche Mühe. Frau
Gundula blieb fest. Der Müller aber frohlockte,
denn so konnte seine Rache ihren Lauf nehmen.

Die Nacht, die für die Sitzung der Heiligen
Feme festgelegt war, kam heran. Es schien im
Wald um den Brudermattfelsen herum nicht
geheuer zu sein. Gegen die zehnte Stunde zogen
von allen Seiten her vermummte Gestalten
heran. Unter den Mänteln klirrte es verdächtig,

und wenn sich die geheimnisvollen Gestalten
begegneten, tauschten sie leise die Losung aus.
Von den dreißig bis vierzig Männern, die sich so
versammelten, wurde ein großer Teil in weitem
Kreis als Posten aufgestellt, um gegen unliebsame
Überraschungen geschützt zu sein. So aufmerksam
aber auch die Wachen waren, entging
ihnen doch, daß auf ein paar alten, dichtbelaubten
Bäumen etwa ein Dutzend wehrhafter Gesellen
saß, die alles beobachteten, was da vorging.

Gegen elf Uhr, als dunkle Wolkenfetzen nach
dem Mond griffen und ihn hinter ihre Vorhänge
zogen, schleppten einige Knechte die arme
Gundel herbei. Wieder war sie wie bei dem
Überfall gefesselt und geknebelt. Man brachte
sie in den Kreis der Gerichtsstätte. Der Freigraf
und die sieben Freischöffen, die mit langen
Mänteln bekleidet waren und ihre Gesichter
hinter Hauben verbargen, die nur die Augen
und den Mund freiließen, nahmen auf dem Freistuhl
Platz, der durch eine rohe Bank dargestellt
war, die um einen ebenso roh aus Brettern
gezimmerten Tisch herum aufgestellt war. Der
Tisch war mit einem schwarzen Tuch bedeckt;
darauf lagen ein Kruzifix, eine Bibel, ein Totenschädel
, ein blankes Schwert und eine gedrehte
Weide als Zeichen des Heimlichen Gerichtes.
Zwei halbverdeckte Windlichter ließen ein
gespenstiges Licht über die unheimliche Szene
huschen.

Der Freigraf eröffnete das Stillgericht und
forderte die Schöffen auf, den Eid zu sprechen.
Murmelnd erklang in der Runde: „Wir, Wissende
des Heimlichen Gerichtes, schwören bei gespannter
Bank, auf Strick und Schwert, der
Heiligen Feme zu helfen und sie zu verfechten
bei Weib und Kind, Vater und Mutter, Bruder
und Schwester, Feuer und Wind, vor allem, was
die Sonne bescheint, der Regen benetzt, vor allem,
was zwischen Himmel und Erde ist". Nach dem
Schwur der Schöffen ermahnte der Freigraf
nochmals, unparteiisch Recht zu sprechen bei der
eigenen Seele Pfand. Dann forderte er den Kläger
auf, vorzutreten und seine Klage zu erheben.
Einer der vermummten Männer trat vor den
Tisch und begann: „Ich erhebe meine Hände, die
rein sind von jeder Schuld, und klage an bei
Strang und Schwert die gegenwärtige Frau Gundula
Grynner aus dem Weilertal. Ich klage sie
an, daß sie gegen den Christenglauben und die
zehn Gebote verstoßen hat, daß sie gegen Gott,
Ehre und Recht dadurch gehandelt hat, daß sie
sich dem bösen Feind zu eigen ergeben hat, auf
daß er ihr Macht verschafft, Zauber- und Hexen-
w^erk zu vollbringen, ihr zu Nutz und Vorteil,
den anderen Christenmenschen aber zum Schaden
und Nachteil". „Kann der Kläger die Klage
durch Tatsachen bekräftigen?" fragte der Freigraf
, nachdem der Kläger geendet hatte. Sofort
gab dieser zur Antwort: „Sie hat schon öfter
denen, die sie haßt, Nestel geknüpft, hat Raupen,
Würmer und anderes Ungeziefer gesät, besonders
aber hat sie im vergangenen Sommer ein
schreckliches Wetter gemacht, das Saaten und
Reben verdorben, Wohnhäuser angezündet, Menschen
verwundet und getötet hat, während sie


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