Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1960-10/0009
für seltene Pflanzen, für malerische Baumgruppen
oder Felspartien. Für die beweglichen Tiere
aber sind sie zu klein! Da es aber in Mitteleuropa
unmöglich ist, Naturschutzparke nach amerikanischem
Muster zu schaffen, kann man lediglich
an die Vernunft der Menschen appellieren. Verständnis
für das Tier, das sich nicht wehren
bann, Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der
Schöpfung, diese Begriffe sollten den jungen
Menschen in den Schulen mit aller Eindringlich-

Richard Gang:

Ein Bauernhof, zumal wenn er einsam im
Gebirge liegt wie mein Elternhaus, gleicht einem
Kristall, in dem sich die Welt bricht. Seine Bewohner
geraten mit der Natur und ihren Elementen
in innige Verbindung und sind gezwungen
, in wechselvollen Lagen, von den glücklichsten
bis zu den tödlichen, zu handeln, einzugreifen
und sich zu entscheiden. Der Bauer ist der
aus tiefstem Innern und Sein Wirkende; dabei
wird seine Seele entwickelt, geformt und gestärkt
. Die unendliche und übermächtige Natur
nimmt sie in ihre stetigen Hände, steuert und
klärt ihre Empfindungen, Erwägungen,. Einfälle
und Gefühle. Sie hilft dem Menschen, das zu
werden, was in ihm angelegt, das zu bleiben, was
sich aus ihm bei guten Bedingungen wohlgestaltet
entwickelt, so wie ein umsichtiger Gärtner
einem Samenkorn alles zukommen läßt, dessen
es bedarf, um sich zur vollkommenen Pflanze zu
entfalten.

. Auch mir half die Natur auf ihre Weise, als
mich eines Tages in meinen frühen Lebensjahren
die Mühle des Lebens, die Verwirrung ergriff.
Beim „Bäumchenwechseln" auf der Wiese hinter
unserem Haus, auf der wir Geschwister manchmal
spielten, kam Fritz eines Frühlingstages auf
den Einfall, die Bäume, die wir genau kannten
und jeden Herbst bis in die Dölder hinauf ernteten
oder auch vorzeitig plünderten, unter uns zu
verteilen. Der Schlaue ahnte, daß sein Vorschlag
auf das begierigste Erdreich falle, rannte sogleich
auf den größten Apfelbaum zu, umarmte den
Stamm und jubelte: Der gehört mir!

Diesen in der Mitte der Wiese stehenden, oft
und reich tragendenn Baum liebten wir deshalb
besonders, weil er in bequemer Höhe einen
waagrechten, starken Ast hatte, an den wir unsere
Schaukel knüpften. Unter oder auf ihm verlebten
wir manche glückliche Stunde.

Der Liebling war also beschlagnahmt, und wir
rannten mit Lärm auf die anderen Riesen der
Pflanzen zu. Ich, der jüngste, wurde überholt,
abgedrängt und stand schließlich allein, verlassen
und unschlüssig da. Vom großen Küchbirnbaum,
von der Goldparmäne, von der Zwetschge und
überallher strahlten mir glückliche Gesichter entgegen
, verlachten und verulkten mich. Bei unserer
ausgelassenen Art war sicherlich auch eine
„lange Nase" darunter, die mir mit aufreizendem
Finger- und Mienenspiel eine lautlose Flötenmelodie
zublies.

keit beigebracht werden, besonders noch in den
Fortbildungs- und Mittelschulen. Die Lehrerschaft
sieht diese Förderung wohl auch ein und
tut ihr Möglichstes, aber oft wird es heißen: die
Zeit fehlt. Auch die Technik mit ihren Errungenschaften
vom Motorrad bis zum Fernsehen hält
weite Kreise der Jugend in ihrem Bann; der
zoologisch-botanische Lehrausflug ist nicht allgemein
beliebt. Aber viele Schulen leisten muster-
giltige Arbeit und haben Erfolge.

Aber Fritzens Vorschlag war bei mir auf den
fruchtbarsten Boden gefallen, und ich gab mich
nicht besiegt. Kinder hängen am Eigentum. Hatten
wir Geschwister nicht auch heimlich uns
eines der Pferde, die zum Hofe gehörten, zugeteilt
? Jedem Kind seinen Baum, das hieß: den
darfst du allein besteigen, Früchte ernten, verhandeln
, in seinem Schatten spielen oder
schlafen. Welche Möglichkeiten, Verwicklungen,
Narreteien und Kämpfe!

Für mich sollte keiner dieser großen, aufrechten
, königlichen Kronenträger, kein Nest des
Herzens in hohen Astgabeln, übrig sein? Ich
guckte mir die Augen aus dem Kopf, und da,
gottlob, entdeckte ich noch einen. Aber, wie sah
er aus! Klein, verkrüppelt, mit gelben Flechten
und grünem Moos behaftet, mit Längsrissen,
aufgekrümmter Rinde und abgestorbenen Aststümpfen
, war in ihn keine Hoffnung zu setzen.
Er hatte noch nie geblüht, nie gefruchtet; nie
kam die Rede auf ihn, und der Vater wußte wohl
kaum um ihn. Vielleicht war er nur deshalb
nicht abgehauen worden, weil er am Rande der.
Wiese, nahe am Wagenplatz, nicht störte. Ich
rannte auf ihn zu, als ich ihn erkannte, umarmte
ihn und schrie schlankweg mit der gleichen
Begeisterung wie die andern, der gehöre mir.

Ich wußte, daß ich jetzt ausgelacht werden
würde, und war trotzdem so glücklich wie meine
Geschwister. Ich besaß auch einen Baum, er war
ganz mein Eigentum, und ich brauchte diesmal
nicht, wie so oft als Jüngster, zurückstehen. Diese
Ebenbürtigkeit, dieser Schutz war die Ursache
meiner Zufriedenheit.

In der Tat! Ich wurde laut und mit übertriebenen
Gebärden ausgegickst. Das störte mich
aber merkwürdigerweise nicht. Zuversicht erfüllte
mich, und diese flüsterte mir zu, man wolle
mich nur herausfordern, um einen weitern Spaß
zu haben. Doch war ich jetzt darüber erhaben,
erhoben, und ruhig betrachtete ich mein Astgestrüpp
, das ich schon liebte.

Trostloser Anblick! Ich bezweifelte, ob ich
jemals auf dieser Wirrnis herumklettern, aus
ihren dünnen Verkrümmungen einen Apfel holen
könnte. Trotzdem liebte ich die Wildnis wie eine
Heimat des Herzens. Es erging mir wie einer
Mutter, der man das sehnsüchtig erwartete, schon
in Gedanken verhätschelte, unschöne oder verwachsene
Neugeborene in die Arme legt. Sie

jötv 2!5cwm tuac fein ttbm

7


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/markgrafschaft-1960-10/0009