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Nun, so wollen wir Gericht halten über den Missetäter
.
Wahr ist es und nicht zu leugnen, daß er durch
seine unterirdischen Gänge hin und wieder den
Boden durchwühlt und ihm etwas von seiner Festigkeit
raubt.
Wahr ist es ferner, daß durch die herausgestoßenen
Grundhaufen viel fruchtbares Land bedeckt und die
darunter liegenden Keime im Wachstum gehindert,
ja erstickt werden können. Dafür ist in einer fleißigen
Hand der Rechen gut.
Aber wer hat's gesehen, frage ich, daß der Maulwurf
die Wurzeln abfrißt? Wer kann's behaupten?
Und nun folgt, wie man dem Maulwurf Unrecht
tue, wenn man ihn für abgefressene Wurzeln
verantwortlich macht: Schuld an diesen Schäden
trügen die Engerlinge oder Quadten, und die
eben verfolge der Maulwurf. Weiter fährt Hebel
fort:
Jetzt wird's also begreiflich, daß der Maulwurf
immer da ist, wo das Gras und die Pflanzen krank
sind und absterben, weil die Quadten da sind, denen
er nachgeht und sie verfolgt. Und dann muß er's
getan haben, was diese anstellen, und bekommt
für eine Wohltat, die er euch erweisen will, des
Teufels Dank ...
Hebel begnügt sich aber nicht damit, zu behaupten
. Er bietet zwei Proben für die Richtigkeit
seiner Behauptungen an:
Erstlich, wenn ihr dem Maulwurf in den Mund
schaut. Denn alle vierfüßigen oder Säugetiere, welche
die Natur zum Nagen am Pflanzenwerk bestellt hat,
haben in jeder Kinnlade, oben und unten, nur zwei
einzige, und zwar scharfe Vorderzähne und gar
keine Eckzähne, sondern eine Lücke bis zu den
Stockzähnen. Alle Raubtiere aber, welche andere
Tiere fangen und fressen, haben sechs und mehr
spitzige Vorderzähne, dann Eckzähne an beiden Seiten
und hinter diesen zahlreiche Stockzähne. Wenn
ihr nun das Gebiß eines Maulwurfs betrachtet, so
werdet ihr finden: er hat in der oberen Kinnlade
sechs und in der untern acht spitzige Vorderzähne,
und hinter denselben Eckzähne auf allen vier Seiten
, und daraus folgt: er ist kein Tier, das an den
Pflanzen nagt, sondern ein kleines Raubtier, das
andere Tiere frißt
Zweitens, wenn ihr einem getöteten Maulwurf den
Bauch aufschneidet und in den Magen schaut, Denn
was er frißt, muß er im Magen haben, und was er
im Magen hat, muß er gefressen haben. Nun werdet
ihr, wenn ihr die Probe machen wollt, nie Wurzelfasern
oder so etwas in dem Magen des Maulwurfs
finden, aber immer die Häute von Engerlingen,
Regenwürmern und anderem Ungeziefer, das unter
der Erde lebt.
Wie sieht's jetzt aus ?
Nun hat Hebel seine Zuhörer, die ihn wahrscheinlich
erst auch für einen Feind des Maulwurfs
hielten, festgenagelt und der falschen
Meinung überführt. Es bleibt ihm nur noch, die
jetzt leichte Nutzanwendung zu ziehen:
Wenn ihr also den Maulwurf recht fleißig verfolgt
und mit Stumpf und Stiel verfolgen wollt, so tut
ihr euch selbst den größten Schaden und den Engerlingen
den größten Gefallen. Da können sie alsdann
ohne Gefahr eure Wiesen und Felder verwüsten,
wachsen und gedeihen, und im Frühjahr kommt alsdann
der Maikäfer, frißt euch die Bäume kahl wie
Besenreis und bringt euch zur Vergeltung auch des
Teufels Dank und Lohn. — So sieht's aus.
Der Chronist will hoffen, daß die Markgräfler
und andere Leser des „Rheinländischen Hausfreunds
" sich anno 1807 Hebels Mahnung zu
Herzen genommen haben. Hebel war ja in den
naturwissenschaftlichen Fächern ebenso zuhaus
wie in den alten Sprachen und daher kompetent
in der Beurteilung des kleinen zoologischen
Problems „Maulwurf". Freilich scheint man
Hebels Kalender dann fünfzig Jahre lang nicht
mehr hervorgeholt zu haben, um etwas für die
Landwirtschaft daraus zu lernen; denn 1861 war
der eingangs besprochene Artikel offensichtlich
nötig geworden. Und noch mehr: Es hatte sich
sogar eine gewichtige Stimme hören lassen, die
recht gedankenlos wieder die Verfolgung des
Maulwurfs empfahl, — die des „Lahrer Hinkenden
Boten" für das Jahr 1862, der im November
und Dezember 1862 zur Auslieferung kam. Zur
Ehre der Oberländer kann jedoch gesagt werden
, daß sie die falsche Meinung des „Lahrer
Hinkenden" sofort als schädlich erkannten und
bekämpften. So brachte der „Oberländer Bote",
die Beilage zum Amtlichen Verkündigungsblatt,
in Nr. 149 vom 18. Dezember 1861 einen neuerlichen
Artikel für den Maulwurf, geschrieben
von einer gewandteren Feder als jener vom
Frühjahr 1861 und von sozusagen wissenschaftlicher
Haltung und der Arbeitsweise des „Lahrer
Hinkenden" kritisch gegenübertretend. Gezeichnet
ist dieser Artikel mit (:). Er beginnt:
Landwirthschaftliches
Gegen die Vertilgung des Maulwurfes
(:) Obschon berühmte Naturforscher und andere
Fachmänner, insbesondere auch denkende Land-
wirthe, in neuerer Zeit immer mehr gegen die Vertilgung
des Maulwurfs sich erheben und dabei nachweisen
, daß dieses so sehr verfolgte Thier ein nur
Fleisch verzehrendes ist, und nie von Pflanzen sich
ernährt, so bemühen sich die Gemarkungsbehörden
doch noch an vielen Orten, gegen dieses nützliche
Thier Krieg zu führen, und wir werden im kommenden
Frühjahr wieder eine Menge „Schärmausfänger
-Gesuche" im Amtsblatt zu lesen bekommen,
afus welchen hervorgehet, daß alle die vielen Warnungen
gegen das alte Vorurtheil der Verfolgung
des Maulwurfes in den Wind gesprochen und die
bäuerlichen Gemeinden immer noch ihr gutes Geld
verschwenden, um einen der nützlichsten Freunde
des Garten- und Feldbaues zu vertilgen. Diese althergebrachte
Verfolgungssucht ist umso beklagens-
werther, als die Wissenschaft und Erfahrung das
Verkehrte derselben nachgewiesen. Erst im Laufe
dieses Jahres hat unser „Oberl. Bote" einen trefflichen
Aufsatz hierüber gebracht.
Wer sich die Mühe geben will, in diesem Blatte,
sowie in den wissenschaftlichen Abhandlungen eines
Tschudi, Vogt, Gloger und v. Babo (letzterer in dessen
landw. Berichten) über die Natur des Maulwurfs
Belehrung zu suchen, wird erstaunen, wie dieses so
sehr verkannte nützliche Thier sein Dasein nur mit
der Vertilgung von Erdkrebsen (Werren), Engerlingen
(Maikäferlarven), Regenwürmern und ähnlichen
kleinen Thieren fristet, welche alle dem Feld-,
Wiesen- und Gartenbau höchst schädlich sind...
Nach solcher Klarstellung der Tatsachen und
ausgiebiger Nennung von zoologischen und landwirtschaftlichen
Experten wendet sich der Artikel
dem „Lahrer Hinkenden" zu und wirft ihm
nicht nur die Verbreitung einer falschen Lehre
vor, sondern auch — hinsichtlich der Person
seines Verlegers — Inkonsequenz und schlampige
Arbeitsweise. Wieso dies, geht aus dem Artikel
hervor, der fortfährt:
Auffallend erscheint, wie der Kalender des Lahrer
hinkenden Boten für das Jahr 1862 in seinen landwirtschaftlichen
Vorschriften die Vertilgung des
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