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Hebel:
Mein Schweigen preise dich, —
Du, der nicht ward, und alles wurde,
und noch nicht ist, — und niemals war,
wenn alles nicht mehr sein wird, was da ist.
Kein Wort der Sprache sagt's,
kein Bild des Lebens malt's . . .
das fühlt der Sterblichen keiner nach,
fühlt nie das verlorenste Schattengefühl
der Wonne mir nach . . .
Erzähler: Wieder drängt sich die Frage nach des Dichters
Standort heran. Diesmal wird die Antwort breit strömend
ausgesungen. Der Dichter fühlt sich dem Nichts
bereits vertraut, die Erde ist seinem Blick bereits
entrückt:
Hebel:
Ich schwimm im elementarischen Meer.
Zehntausend Millionen Nächte tief,
Zehntausend, tausend rechts und links und schief
zuck ich im ewigen Nichts umher,
in Deiner Aberwesenei,
Du, dem's nie tönet: Werde!
Wo bin ich?
Wo schwimmt das §täubchen Weltgebäu?
Und wo der Staubpunkt Erde?
Erzähler: Die Quintessenz dieses visionären Erlebnisses
hat Oeftering äüßerst treffend wiedergegeben als die Erkenntnis
der —
Sprecher: — Wahrheit von der örtlichen Unbestimmbar-
keit des Daseins im Nichts.
Erzähler: Nun läßt eine proteische Stimme den Ruf zur
Proteusfeier ertönen. Und diese visionäre Liturgie hat
auch einen eigenen Namen, der nicht allen verständlich
ist und auf den auch das Wörterbuch des Belchismus
Bezug nimmt. Die Feier heißt Cose-felicet, d. h. causa
felicitatisf Feier der Glückseligkeit. Die Stimme also ruft:
Hebel:
Zum heiligen Cosefelicet!
Ihr schwebenden Geister im ewigen Nichts!
Zur heiligen, stillen Beschauung
der Hülle seines Angesichts
hinein, hinein ins tiefere Nichts!
Zum heiligen Cosef elicet!
Erzähler: Und die Reaktion des mitschauenden Dichters:
Hebel:
Es tönt — kein Wort der Sprache sagt's.
Es schweigt, — kein Bild des Lebens malt's,
wie in dem nichtigen Element
die tönende Stimme schweigt, — die schweigende
Es schauern mich Abergeineter an, [Stimme tönt.
die Abergeineter umschauern mich.
Wer bist du Abergeinet? Sag an!
Im Namen des Proteus! Entdecke dich!
Erzähler: Die Abergeineter, d. h. Abergeister, sind nach
Hebels eigener Erklärung proteusische Geister im Gegensatz
zu den existierenden. Also die Proteologen, die aus
dem Almanach des Proteus bereits bekannt sind. Sie
nennen auf Grund der Beschwörung ihren Namen und
fügen ein paar Worte hinzu. Diogenes und Parmenides
tun dies griechisch, Horaz und Vergil lateinisch, der
ewige Jude hebräisch, Cagliostrp italienisch. Es geht dabei
nicht ohne Stilbruch ab: Die erhabene Schau wird
für einen Augenblick durchbrochen von dem Spielenden,
Heiteren, Ironischen, das aller Proteuserei bisweilen anhängt
und vor allem im Almanach des Proteus stark zum
Ausdruck kommt. Hier wirkt es fast wie schamhaftes
Verschleiern allzugroßer Pathetik, wie bewußtes Übersteigern
ins Lachen hinein, weil die Spannung der ernsthaften
Gedanken zu groß geworden ist. Zu dieser spielerischen
Seite gehört, daß sich unter den Abergeistern
auch der Basler Buchbinder Scholer befindet, ein bekanntes
Original der Hebelzeit. Nach dem Vorüberzug
der proteischen Geister beginnt das große Cosefelicet mit
einer Stille von sieben mal siebzig Minuten:
Hebel:
Fühle leis, meine Seele!
Walle sanfter, o seliges Schauern
mir durch die Nerven hinab,
daß nicht ihre leiseste, zitternde Schwingung,
daß ihr leisestes Beben nicht
dieses heilige tiefe Schweigen störe.
Die Stille, die um Mitternacht
den Belchengipfel umhüllet, —
die Stille, die am Hochaltar
die betende Andacht feiert, —
die Stille, die in Totengruft
der ruhende Leichnam schweiget, —
Geräusch ist sie!
Ist Feldgeschrei zur Heeresschlacht,
ist Donnerschlag in Wetternacht,
ist stürmendes Bombardement,
ist Rheinfallstosen am Felsenhang, — ist gegen
satanisches Gebrülle. [diese Stille
O daß ich fühlen könnte Nichts!
O daß ich, denken könnte Nichts!
Daß keine Empfindung des Seins
dieses Anblicks Nähe entweihte!
Nichts!
Im innern, geisterumgebenen Raum!
Reines, Klares, Offenbares,
Nie empfundenes, nie gewesenes
Nichts!
Und doch nur grobe Hülle
des nie gesehenen Angesichts!
»
Erzähler: Wieder hört der Dichter Stimmen, die ihn von
dem menschlichen Unvermögen Proteus wahrzunehmen,
ablenken und dem Kern des Cosefelicet zuführen. Die
Sprache erhebt sich bisweilen zu großartigen Bildungen:^
Hebel:
Horch!
Leises, harmonisches Säuseln
wallt
durchs Geistermeer, proteusischem Ohr
nur hörbar, dem proteusischen kaum.
Sanft tönt's, wie Frühlingsreigen,
noch reicht's nicht an das Schweigen
der Mondennacht im Erdenreich.
Vernehmlich hoher wallt es
und merklich stärker schallt es,
und noch dem irdischen Schweigen nicht gleich.
Es hebt sich sanft, es tönt mit Macht.
Nun überfließt's in Fülle
eintönig mit der Stille
der leisenden schlafenden Mitternacht.
Es tönt das ewige Nichts entlang —,
ist's Täuschung? Sanfter biegt sich,
ist's Zauber? — Weicher schmiegt sich
der süße, tönewechselnde Klang
in Wort und Sinn und Geistersang . . .
(Fortsetzung folgt)
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