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Dr. Robert Feger, Freiburg:
j&zv unbekannte f>ebel III:
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(Schluß.)
Sprecher: Dann schildert Hebel genauestens die verschiedenen
Truppenbewegungen, aber auch mit lebhafter
Anteilnahme den Schrecken der Bevölkerung; man mag
ihn in diesem Brief wohl einen getreuen Chronisten
nennen, tut ihm aber bitter Unrecht, wenn man ihn
„seelisch unbeteiligt" nennt. Die Ankunft der Kaiserlichen
Truppen brachte dem Oberland keine Erleichterung
. Hebel muß berichten:
Hebel: Die wir als Freunde erwartet hatten, kamen nun
als Feinde und scheinen nur auf eine andere Art als die
Franzosen das Land vollends ruinieren zu wollen. Anfänglich
verübten die Gemeinen die nämlichen Gewalttätigkeiten
wie die Franzosen, bald wurden zwar die
Ordnung und Manneszucht wieder hergestellt. Aber nun
fangen die unerschwinglichsten Requisitionen an, die fast
noch härter sind als die französischen und schwerer
drücken, da das Land durch diese schon fast erschöpft
ist... Auf der ganzen Reise hinab nach Karlsruhe fuhr
ich über die Kampfplätze bei Schliengen, Krozingen,
Emmendingen, sah überall Klagen und Jammer der Ausgeplünderten
und Mißhandelten, im ganzen Breisgau.
Die Ortenau blieb von Gefechten und Franzosen verschont
, doch haben die Franzosen eben in der Nacht, als
wir durch die Gegend fuhren, das Dorf Kehl in Brand
gesteckt, um die Gegend freier zu machen...
Sprecher: Fast könnte man es bei diesen Zeugnissen
bewenden lassen, um die Unvoreingenommenheit des
verlästerten Chronisten Hebels klar herauszustellen.
Aber es gibt noch stärkere, vollkommen auf sich selbst
gestellte Urteile Hebels über das Zeitgeschehen. Urteile,
die Freund wie Feind auf das hinweisen, was rechtens
ist. Oder — auf das Zusammenleben der Völker gesehen
: was human ist und dem Menschen im Zusammenleben
mit seinesgleichen ansteht. Zum Exempel: Als
Straßburg im Februar 1814 von den russischen Belagerern
beschossen wird, steht für Hebel natürlich nicht
die strategische oder politische Wichtigkeit des Vorgangs
im Vordergrund, sondern die mitmenschliche Sorge um
die Freunde in der belagerten Stadt. Hebel schreibt
also am 30. April an Haufe besorgt, aber scherzhaft
formulierend:
Hebel: Ich will mir kein Tagebuch der Belagerung ausbitten
, aber eine freundliche Auskunft, wie Ihr Euch
alle befindet, besonders die Kinder . . . Ich komme
schwerlich eher nach Straßburg, als bis die Badischen
und Russen drin sind, und weil Ihr dieses nicht zu wünschen
scheint, so will ich... nicht sehr drauf dringen...
Sprecher: Diese menschliche Besorgnis hindert Hebel
aber nicht, politische Dinge richtigzustellen. Im gleichen
Brief gibt er Haufe, der sich offensichtlich über die Belagerung
oder über Übergriffe der alliierten Truppen
beklagt hat, einen deutlichen Verweis:
Hebel: Ich sehe, daß man auf beiden Seiten unbillig
sein kann. Hier nehmen es die Leute wirklich übel, daß
in Straßburg eine so böse Stimmung herrschte, als ob
Ihr schuldig gewesen wäret, alliiert gesinnt zu sein.
Nehmt es doch unsern Belagerern nicht so hoch auf, daß
sie nicht französisch oder straßburgisch gesinnt waren.
Wir sind unschuldige Kinder gegen dem Betragen der
edlen Söhne der großen Nation, wenn sie in Feindesland
waren, und könnten Euch ein anderes Sündenregister
vorhalten — aber wozu?
Sprecher: Man sieht wieder einmal mehr, wie wenig im
Denken Hebels nationales Ressentiment wiegt. Und wieviel
das menschlich-ethische Denken und Urteilen. Was
ist ihm Politik, wenn der Mensch Not leidet? Das Gedeihen
des Menschlichen ist ihm alles, und sollte auch,
ginge es nach ihm, das Ziel der Politik sein.
Sprecher: In den Briefen ist Hebel ganz er selbst, sagten
wir. Ganz er selbst, das heißt: ein Betrachter und
Schilderer, der nicht nur ernst, sondern mit einem guten
Schuß Ironie, von anderen Maßstäben als bloß politischen
her urteilend, an die Dinge herantritt und über
die Dinge berichtet. In seinen Augen verliert manches
Ereignis an Wichtigkeit, das in anderen Augen enorme
Wichtigkeit haben mag. Hebel läßt sich das Recht auf
den eigenen Spott nicht nehmen. Das tritt ganz klassisch
zu Tage, als er einmal über ein Ereignis zu berichten
hat, das ganz -Karlsruhe in Erregung versetzte, und dies
dazu noch unnötigerweise, wie sich herausstellte. Im
Frühjahr 1809 hatte einmal Napoleon seinen Besuch in
Karlsruhe angesagt. Er kam dann aber nicht in die
Residenzstadt, sondern nur nach Ettlingen und ließ den
badischen Hof dorthin kommen. Diese Angelegenheit
spiegelt sich ergötzlich und frei beurteilt — wiewohl von
der Briefzensur gefährdet — in einem Brief an Frau
Weiler nach Straßburg wieder. Hebel schreibt am
15. April:
Hebel: Hat die Erscheinung des Kaisers viel Lebhaftigkeit
in Groß-Straßburg erregt? Ich beneide den glücklichen
Monarchen mit allen seinen Siegen und Millionen
und Marschällen nie, als wenn ich ihn in Straßburg
weiß, und wenn ich an seiner Stelle wäre, so wollt ich
den Österreichern gute Geduld wünschen, bis ich käme.
Heute wird er hier erwartet, und mit aller pomphaften
Feierlichkeit empfangen werden, die man mit vier Feldstücken
, sechs Glocken und zwei Hoftrompeten herausbringen
kann. Ich werde ihn wahrscheinlich nicht sehen,
sondern mit dem Klang und Schall zufrieden sein. Es
gibt Verhältnisse, in welchen große Herren gern einander
ausweichen ...
Sprecher: Ironischer und selbstherrlicher kann man —
glaube ich — nicht mehr betonen, daß man sich seine
eigene Lebensart und seine eigenen Lebensmaximen
nicht durch großes politisches Theater stören lassen will.
Und hätten so die politischen Tadler Hebels gedacht —
von sprechen dürfte da schon nicht mehr die Rede sein
—, wenn etwa ein Kaiser Wilhelm oder Bismarck in
Karlsruhe erschienen wäre! Sicher nicht. Aber — hören
wir, wie der Brief weitergeht:
Hebel; Nachmittags: Unterdessen war ich doch auf dem
hiesigen Gemeindehaus, das heißt auf dem hiesigen Spiegel
, das heißt in dem hiesigen Kaffeehaus. Sie werden
sehr über uns lachen, daß wir schon den ganzen Vormittag
auf den Kaiser warteten, der vielleicht noch nicht
einmal in diesem Augenblick in Straßburg ist, — die
Bürgermiliz, die seit früh um sechs Uhr zum Paradieren
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