Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., J 3366,go-1946/48
Le Messager du Rhin: Almanach pour 1946
Colmar, 1946.1945
Seite: 52
(PDF, 29 MB)
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52

LE MESSAGER DU RHIN

Kirche von St. Peter und Paul in Weissenburg

Dame Besuch. Ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren.
Wie ein Lied war ihr Gehen; wie wenn ein junger Baum
im Wind sich wiegt, ging sie durch den linden Abend.
Aus ihren meerestiefen Augensternen sprach Innigkeit
und Verstehen, und dem gelockten schwarzen Haar entstieg
ein feiner, prickelnder, verwirrender Duft. Zwischen
all der Lebenskahlheit, dem Verschminkten und
Gedrechselten war sie ein Fleckchen Holdheit, ein Wesen
, das holde Erinnerungen und gute Einflüsse schafft.
Auch wenn sie nur ein Mauerblümchen war. von dem
fratzenhaften verdrängenden Komödiantentum der Mode
in die Ecke gedrückt, so war gerade die Schlichtheit, die
Anmut, die Innigkeit, der warme Gefühlston etwas Erhebendes
. Manchmal lag ein sinnendes Lächeln auf
ihrem Gesicht, manchmal schlug in ihren Augen der
Schalk Purzelbäume.

Peter war tagelang an ihr vorübergegangen ohne jeden
Versuch, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Wozu
auch? Heiraten? O, ihm graute vor einer Heirat. Diesem
ewigen Gebundensein, diesem nüchternen Nebeneinanderdahinleben
zweier Menschen. Er hatte Ideale,
Träume, wunderherrliche Träume! Er haschte, bettelte
nach anderem Besitz. Wie ein schillernder Falter, der
durch den blütenreichen Frühlingstag dahinflattert,
schwebte ihm das Ziel vor, Großes zu vollbringen. In
den Triumphwagen des geistigen Schaffens mochte er

sich hineinschwingen, mit immergrünem Lorbeer,
mit Rosen und himmelblauen Schärpen geschmückt
und hineinfahren in das blendende
Morgenrot des Erfolges! Aber das Rad, dem er in
die Speichen fallen wollte, rollte unablässig weiter
über zarte Blütenknospen, die voll Lust ihre
Pracht erschließen wollten. Und Peters Herz
zuckte dann zusammen, verkrampfte sich in bitterem
Weh! O nein, er wollte, er konnte keine
Frau an sich ketten. Frei wollte er sein! Ledig
und los! Hatte er nicht, was er brauchte? Die
Mutter führte ordnungsgemäß den Haushalt, daß
es nichts zu beanstanden gab. Sie sorgte für die
Sauberkeit der Zimmer, für frische Wäsche, flickte
zerrissene Hosen und strickte und stopfte
Strümpfe, kümmerte sich um Küche und Speisekammer
und das alles mit so viel Geschick und
Gewissenhaftigkeit, daß das stille, bescheidene
und selbstlose Wirken der alten Frau ihm in
manchen Stunden Bewunderung abnötigte. Lind
in solchen gottgesegneten Stunden sah er dann
auch die vielen feinen Fältchen auf der Stirn, die
grauen Haare an den Schläfen, den herben Zug
um den wehmütig zusammengepreßten Mund mit
den blutleeren Lippen, die blasse Gesichtsfarbe,
die groben, abgearbeiteten Hände, und dann
dünkte ihn die Mutter wie eine Heilige, wie eine
aus jener leidverschönten Schar, denen winterlicher
Kummer das Herz erfroren hat und deren
Seele erzittert in stummer schluchzender Musik.
Und er schämte sich seiner harten Worte, nahm das
gutmütige, alte Gesicht in seine Hände, drückte einen
heißen Kuß auf die schmalen Wangen, und seiner gequälten
Brust entrangen sich die verzeihungheischenden

Worte : »Mutter, Mutter!--Was tust du für mich?«

— »Nichts tu ich für dich!« Und dann nahm sie den
Kopf des großen Jungen an ihr treues Mutterherz und
streichelte ihm die Locken wie vor Jahren.
Eines Tages stand Fräulein Ebel, so hieß die junge Dame,
in Peters Spezereiwarenhandlung und kaufte für ihren
Bruder zu dessen Geburtstag etliche Leckerbissen und
Gebrauchsgegenstände. Die beiden kamen ins Gespräch.
Ein Wort wars oft, eine hingeworfene Bemerkung, die
ihm zeigte, daß zwischen ihnen eine wunderbare Harmonie
herrschte. Sie besaß in solch hohem Maße Schätze
des Geistes, daß er ganz betroffen war und sich ärgerte,
nicht gleich mit ihr zusammengekommen zu sein. Als
sie sich verabschiedete, sagte er: »Sie wollen schon gehen
, Fräulein Ebel? — Wie schade! Wir hatten eine der
angenehmsten Unterhaltungen.« Und mit einem Aufleuchten
in den blauen Augen geleitete er sie zur Tür.
Sie kam in den folgenden Tagen wieder. Mit der Zeit
waren Peter die Minuten, die er mit der jungen Dame
verplauderte, wenn sie in den Laden trat, so zur angenehmen
Gewohnheit geworden, daß er sie immer länger
ausdehnte und von großer LInruhe geplagt wurde, wenn


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