http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/meyer1837/0007
Armuth und Leiden ſind eine nicht weniger gefaͤhrliche als
ſchwere Schule fuͤr gewoͤhnliche Menſchen. Dieſe machen
darin nicht nur keine Fortſchritte, ſondern gehen meiſtens ſo⸗
wohl buͤrgerlich als ſittlich unter. Mit der friſchen Lebens⸗
luſt, welche nur ein ſich wohl und behaglich fuͤhlendes Weſen
durchdringt, verſchwindet nach und nach bei ihnen die aͤußere
Thatkraft; und was noch mehr iſt, das Gefuͤhl ihrer hoͤhern
ſittlichen Wuͤrde. Sie werden gleichguͤltig und traͤge, bruͤten
vor ſich hin, oder berauſchen ſich nach langer Verſagung in
augenblicklichen Genuͤſſen; verſchmaͤhen kein noch ſo unedles
Mittel, ſich den nothduͤrftigſten Unterhalt zu verſchaffen, und
hadern voll Bitterkeit mit der Vorſehung, daß ſie Gluͤck⸗
licheren ſo viel Guͤter, ihnen aber nichts als Mangel und
Elend zugeſchieden hat. Nur wenige Treffliche gehen geſtaͤrkt
und gelaͤutert aus dieſer Schule, wie aus einer Feuerprobe
hervor. Nicht etwa bloß ſeltene Genien, welche ſich uͤberall
Bahn brechen, ihre Kraͤfte an den Hinderniſſen uͤben; den
Verfolgungen Trotz bieten, und in jedem Kampfe gewaltiger
und unbezwinglicher werden. Sondern auch bisweilen ſolche
Menſchen, welche ihren Mitbruͤdern nahe ſtehen, deren Maaß
von Kraͤften das gewoͤhnliche nicht uͤberſteigt; denen jede Ent⸗
behrung und jedes Leiden tief zu Herzen geht, die es ſchmerz⸗
lich fuͤhlen, daß ſie in ihrem Aufſtreben gehindert ſind, und
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