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wußte genan den Mittelweg zu treffen. Fuͤr ſich ſelbſt beob⸗
achtete er eine außerordentliche Maͤßigkeit, welche von der
hoͤchſten Selbſtuͤberwindung zeugte, und welcher allein er
noch einige Jahre ſeines Lebens zu danken hatte. Die Zeit,
die er nicht dem Studium, oder den Berufsgeſchaͤften
widmete, brachte er mit Gartenarbeiten, mit Buchbinden, oder
an der Hobelbank zu; ſelbſt in der Kochkunſt war er nicht
fremd. Ueberhaupt ſuchte er ſich von Allem, womit er in
Beruͤhrung kam, moͤglichſte Kenntniſſe zu erwerben. Er wurde
hiebei von einer ſeltenen Beobachtungsgabe beguͤnſtigt, welche
ſchnell in die kleinſten Merkmale der Gegenſtaͤnde, (die dem
gewoͤhnlichen Auge verborgen blieben) eindrang; und ihm auch
eine Schaͤrfe und Sicherheit phyſiognomiſcher Auffaſſungen
verlieh, wodurch er ſeine Freunde oft in Verwunderung
ſetzte.?) Auch ſein Gedaͤchtniß war vorzuͤglich. In ſeinen letz⸗
ten Lebensjahren beſchaͤftigte er ſich wieder mit dem Bibelſtudium
des alten Bundes nach dem Grundtexte. Er erwarb ſich darin
eine ſolche Geſchicklichkeit, daß er ſogar einen gelehrten Juden
durch ſeine grammatiſchen und exegetiſchen Kenntniſſe uͤberraſchte.
In Religionsſachen zeigte er durchgehends ſehr gelaͤu terte
Anſichten. Man ſagt, eine Blume richte ſich in Wachsthum
und Geruche nach dem Boden und der Atmosphaͤre, wohin
—
*) Herr Pfarrer Kleber ſchrieb mir hierüber unter Anderm
„Ich brachte einſt völlig unbefangen einen mir ſehr angerühm⸗:
ten Vicar zu meinem Freunde. Unheimlich nahm mich dieſer
mit der Frage auf die Seite: „was bringen Sie mir bier für
einen ſchrecklichen Menſchen?“ In der That entwickelte er
auch bald die verwildertſte Gemüthsart. Ein andermal ſtellte
ich ihm einen mir bekannten Studierenden als einen ſehr talent⸗
vollen und hoffnungsreichen jungen Mann vor. Meyer er⸗
wiederte kurz: „es wird nichts aus ihm werden;“ und es traf
nur zu ſehr ein. Ich könnte Sonen noch eine Menge derglei⸗
chen Züge anführen.“
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