http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/mone1863-3/0213
Reimchronik über Peter von Hagenbach.
tatem avertere immo ipsum non derelinquere. Et pre-
teritis diebus (am 10. Auguſt 1472) ambasiatam suam
misit ad ipsos federatos (Eidgenoſſen) pro pace firmanda
et dieta amicali, qui responderunt in his deliberare velle.
Sic lapso (folgt eine Lücke, die ich ſo ergänze: anno 1472.
Constanciam) dom. noster misit oratores suos, ad vi-
dendum et intelligendum, quomodo velint vivere et se
habere cum domino Sigismundo &c. Am 25. November
1473 hatte Karl in ſeiner Verbalnote durch den Kanz⸗
ler Hugonet ſeine Anſichten hierin ſchon ſehr geändert.
Die Schweizer Frage trat für Karls des Kühnen
Politik nach der Trierer Zuſammenkunft in ein neues
Stadium. Er hatte die ehrliche Abſicht, in Frieden und
Eintracht mit Friderich IV. und Sigmund von Oeſter⸗
reich zu leben, und damit gegen letzteren die Verpflichtung,
die Schweiz anzugreifen, übernommen. Jetzt konnte er
nach der mißlungenen Sache in Trier ſich von beiden
losſagen und zu ihren Feinden, den Schweizern, übergehen.
Das war ſeine Abſicht. Die Schweizer wurden aber von
dem Herzog von Mailand und Ludwig XI. als Werk⸗
zeuge benützt und es wurden ihnen am 13. December 1473
auf einer Berathung in Baſel Karls Plane verdächtig.
Während Karl keinen günſtigen Erfolg ſeiner Unterhand⸗
lungen mit den Eidgenoſſen hatte, führte er vom 8. Ja⸗
nuar bis Mitte Februar die eidgenöſſiſchen Geſandten
von Thann mit ſich nach Dijon, und bekam Nachricht
während dieſer Zeit über die Verhandlungen Sigmunds
mit den Schweizern, über die Berathungen in Baſel
(13. December 1473, Anfang und 10. Januar), wie
auch über den Tag in Conſtanz (15.—19. Januar,
Zellweger a. a. O. S. 30). Er war dadurch überzeugt,
daß Sigmund ſeine Verträge von 1469 und 1472 löſen
oder brechen werde und ließ ihm daher am 14. Februar
von Dijon aus ſehr gereizt antworten (monum. Habs-
burg. J. 1. S. 87 u. 91). Er ſoll satis iocose („etwas
ſchimpflich“ überſetzte die vorderöſterreichiſche Kanzlei) dem
öſterreichiſchen Geſandten geſagt haben, er habe wohl
erfahren, daß der Fürſt von Oeſterreich durch ſo wichtige
Urſachen (legittimis causis, ironiſch) abgehalten werde,
perſönlich zu ihm zu kommen. Hierauf fährt die Note
fort: imo essent etiam alie cause per Vos (oratorem)
non narrate, que adventum suum (ducis Sigismundi)
impedirent. Karl ſpricht ſeine Abſicht, die Schweizer im
Vereine mit Sigmund anzugreifen, in ſeiner Antwort an
dieſen aus (14. Februar 1474, monumenta Habsburg. I.
1. S. 87 flgde.). Die betreffende Stelle lautet in berich—⸗
tigtem Texte: Karl wolle ſeinem Landvogte (Peter von
Hagenbach) ſchreiben, daß er mit ſeinem ganzen Kriegs⸗
volk (populus, die ausgehobene Mannſchaft der Land⸗
205
ſchaft) und mit ganzer Macht Sigmund beiſtehe, und,
wenn derſelbe weitere Hilfe brauche, ſo ſolle er bei Zeit
dem Herzoge von Burgund Nachricht geben, dann wolle
dieſer ihm nach Inhalt ihrer Conföderation gegen die
Schweizer beiſtehen und helfen. Daß es damit Karl dem
Kühnen Ernſt geweſen ſei, könnte man deßhalb glauben,
weil er noch im März 1474 die Aufſtellung eines Heeres
bei Mömpelgard mit Sigmund verabredet hat. Je nach⸗
dem man dieſen Plan für aufrichtig hält oder nicht,
kann man Hagenbach's militäriſche Anordnungen im
Monat März von Seiten Sigmunds für ſtrafbar halten
oder nicht. Die Sache gewinnt im erſten Falle ein an—
deres Ausſehen, wenn Hagenbach im März, dem Auftrage
und der Verabredung zwiſchen Karl und Sigmund ge—
mäß, ſich vorzüglich in Breiſach zum Kriege gegen die
Eidgenoſſen rüſtete. Freilich läßt ſich anderſeits kaum
annehmen, daß ihm der freundliche Brief Karls an die
Berner vom 31. December 1473 unbekannt geblieben
ſei, auch ſtimmen die Anerbietungen an die Schweizer
nicht mit einer kriegeriſchen Abſicht gegen dieſelben überein.
Am Schluſſe ſeines Berichtes ſagte der oͤſterreichiſche Ge⸗
ſandte in Dijon (14. Februar 1474, monum. Habsburg. I.
1. S. 90), er ſei beauftragt, in einer Verbalnote (estote
memores) vorzuſtellen, Sigmund habe ſchon dem Herzoge
von Burgund geſagt (alſo mündlich?), es ſei ihm oft
hinterbracht worden, obſchon Sigmund nicht leichtgläubig
wäre, Karl habe Frieden und Eintracht mit den Schwei—
zern geſucht, ohne dabei den Herzog Sigmund zu er—
wähnen. Der burgundiſche Kanzler gab hierauf in Gegen—⸗
wart des Herzogs gar keine Antwort, der Herzog aber
ſchüttelte mit dem Kopfe (movens caput) und lächelte,
ſo daß der Geſandte ſeine Relation ſchloß: quid autem
hec res veritalis intra se contineat, non est nobis cer-
tum, nec evidens. Karl der Kühne wußte alſo am 8. Ja⸗
nuar, daß Sigismund mit Waffengewalt und mit Hilfe
der Schweizer, ſeinen neuen Alliirten, ihm die Pfand⸗
ſchaft entreißen werde. Dieſe Nachrichten und dieſe Ge⸗
wißheit, welche bei einem anderen Manne einen raſchen
Entſchluß zur That gegen Sigmund hervorgerufen hätte,
trugen bei Karl nur dazu bei, ihn noch mehr in Zweifel
zu verwickeln und vermehrten ſein Zaudern. Er ſchwankte,
ob er zuerſt mit Sigmund oder mit den Schweizern
brechen, oder abwarten ſollte, bis die Allianz deſſelben
mit der Schweiz wirklich zu Stande käme. Der Angriff
auf die Schweizer und die Gefangennehmung Sigmunds
waren zwei ſeiner damaligen Plane. Die ſchwierige Lage,
in welcher ſich bei jedem dieſer Fälle Peter von Hagen⸗
bach in Breiſach befinden mußte, bedachte Karl entweder
gar nicht oder er wollte ſich den Schein größerer Sicher⸗
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/mone1863-3/0213