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anlagen zu weit ging, zeigen uns heute noch so manche unaus-
gebaute Türme, die traurig nach den Händen rufen, welche sie
vollenden sollen. Wenn sich daher die Auftraggeber in Freiburg,
vielleicht auf die Initiative des Baumeisters hin, mit nur einem Turme
für ihr Münster begnügten, so schulden wir ihnen für ihre wohl-
überlegte, massvolle Bescheidenheit den allergrössten Dank, denn
nur auf diese Weise war eine durch keine Geldnöte oder ander-
weitige Hindernisse gehemmte Fortführung des Baues nach einem
Plane ermöglicht, nur so konnte sich das Werk in vollkommen
durchgeführter künstlerischer Einheit und Harmonie entwickeln:
von einziger Schönheit in seiner Art findet der Freiburger Münster-
turm in der Gotik nicht seinesgleichen.
Ebenso selten wie eine eintürmige Planbildung zeigt sich uns
eine geschlossene Turmvorhalle zu dieser Zeit. In der romanischen
Periode begegnen wir ihr häufiger. Die Vorhalle ist dann meist
zwischen den beiden Westtürmen angeordnet und öffnet sich mit
einer Empore nach dem Hauptschiff. Das ist wenigstens der fast
ausnahmslos wiederholte Bautypus der Clugniacenser und der von
ihnen abstammenden Hirsauer Kongregation. Mit dem Auftreten der
Cistercienser aber, welche in sehr wesentlicher Weise das Auf-
kommen des gotischen Stiles in Deutschland gefördert und ver-
mittelt haben, fällt diese Sitte fort, und in Frankreich finden sich
Vorhallen unter den Türmen seit dem Beginne des XIII. Jahr-
hunderts nur in ganz vereinzelten Fällen. ¹6i Hier hat der Frei-
burger Meister die Anregung zu seiner Vorhalle jedenfalls nicht
gefunden. Eher konnte er eine solche schon im Elsass erfahren
haben, wo mehrere Uebergangsbauten aus dem Ende des XII.
und dem Anfange des XIII. Jahrhunderts Vorhallen besitzen, wie
St. Fides zu Schlettstadt (zwischen seinen beiden Westtürmen)
und St. Leodegar in Gebweiler. ¹2
Das direkte Vorbild aber haben wir vielleicht im Lande selbst
zu suchen und hier in der romanischen Basilika von St. Peter und
Paul in Baden zu erblicken, welche das gleiche Motiv eines West-
turmes mit einer Vorhalle zeigt. ¹** Letztere wiederum geht auf
die ähnliche Anlage der Benediktinerabtei St. Peter und Paul in
Weissenburg zurück. Die vollendete Entwicklung des in diesen
beiden Bauten beschlossenen Keimes tritt uns dann aber gleichsam in
Freiburg entgegen, wo sich das Motiv der einfachen romanischen
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