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in der Erforschung und Darstellung des Einzel-
wesens, also im Porträt gefunden. Dieses Bestreben
wird nun von den Brüdern van Eyck von dem Menschen auch
auf seine ganze Umgebung, kurz auf die gesamte lebendige und
tote Natur ausgedehnt, und diese selbst bis in ihre geringfügigsten
Details hinein zum Objekte eines eindringenden, peinlich ge-
nauen Studiums gemacht. Man kann sagen, für die Eyck ist jeder
Stein, jede Pflanze, jeder Baum, kurz alles und jedes eine indivi-
duelle Erscheinung, kurz ein Wesen, von dem es ein Porträt
zu geben gilt. Nur unter diesem Gesichtspunkte wird uns der
ganze Reichtum ihrer Kunst, werden aber auch Gestalten wie die
des Adam und der Eva verständlich. Denn was diese in ihrem
fast abschreckend wahren Naturalismus bieten, sind auch nur
Porträts und zwar Porträts nach Modellen. Als solche
aber wieder sind sie eben nur denkbar als die Frucht eines lange
Zeit hindurch vorangegangenen intimsten Studiums der Einzeler-
scheinung und als der folgerichtige Abschluss einer Zeit, welche
für den wirklichen Künstler d. h. in dieser Zeit vorzugsweise den
Bildhauer fast keine andere Aufgabe gekannt hatte als das Porträt.
Und ebenso ist der teilweise krasse Naturalismus der Eycki-
schen Kunst ohne Zurückführung auf die Skulptur nicht zu ver-
stehen, denn er ist nur der Gipfelpunkt der zielbewussten Bewe-
gung, welche die flandrische Kunst bereits seit 1300 gezeigt hat,
und deren Wurzeln sich tief ins XIII. Jahrhundert zurückverfolgen
lassen. In den Gestalten Adams und Evas wie in
den Stifterfiguren, deren Vorläufer wir durch
die ganze Grabplastik des XIV. Jahrhunderts bis
zu den Sluterschen Meistergestalten von Champ-
mol verfolgt haben, und in dem Genter Altarwerk
überhaupt zieht eben die Tafelmalerei von der
vorbereitenden Thätigkeit des XIII. und besonders
des XIV. Jahrhunderts ihren Nutzen und macht
sich die Errungenschaften des bisherigen Kunst-
schaffens, allerdings in einer höchst vervollkomm-
neten Form, zu eigen: folgt sie in ihrem Naturalis-
mus und in ihrem individuellen Erfassen der Per-
sönlichkeit wie der ganzen Natur nur den von
der Plastik bereits frühzeitig beschrittenen Bahnen,
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