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einer Vergleichung mit den beiden vorbesprochenen Statuen nur
die Königin herangezogen werden. Ihr Antlitz weist im wesent-
lichen genau denselben Typus wie jene auf, aber ohne das
stark forcierte Lächeln, welches bei den andern Figuren so unan-
genehm auffällt. Ihr Gewand zeigt den gleichen reichen, nicht
allzu ruhig wirkenden Faltenwurf wie bei den beiden ersterwähnten
Gestalten. Der Mantel des Königs ist um den linken Arm herum
aufgenommen und bildet auf dieser Seite einen starken Bausch
mit grossen, scharfgebrochenen, weit vom Körper abstehenden
Faltenzügen.
Im übrigen besteht der engste stilistische Zusammenhang mit
den Statuen des Verführers und der Verführten, und es ist durch-
aus nicht ausgeschlossen, dass alle vier Figuren vielleicht von einem
Meister herrübren; nur hinsichtlich der künstlerischen Auffassung
und Durchbildung sind einige Unterschiede zu bemerken. Dem
Könige haftet nämlich bei seiner steifen regungslosen Stellung, die
zwar statuarisch sehr wirksam ist, aber kein Interesse zu erwecken
und ebensowenig eine lebendige Wirkung zu erzielen vermag,
etwas Dumpfes und Teilnamloses an, während die Königin unzwei-
felhaft in ihrer schon sehr stark nach vorn ausgeschwungenen
Haltung, dem leise geöffneten Munde und dem etwas zur Seite
geneigten Kopfe einen aufmerkenden, regsameren Geist verrät und
auch einer gewissen Hoheit und eines vornehmen Charakters nicht
entbehrt. .
Sie nähert sich darin bereits der hohen Auffassung der
Persönlichkeit, welche das weiter unten zu betrachtende, vortreff-
liche Grabmal der Anna von Hohenberg aus dem Basler Mänster
zZeigt. Gleichwohl verleugnet auch sie und mehr noch der König ihren
handwerklichen Verfertiger nicht, wenn auch zugegeben werden
muss, dass sie entschieden auf einer höheren Stufe steht, als die
Figuren des Verführers und der Verführten; an die Strassburger
Statuen reicht freilich sie ebensowenig heran wie diese, und von
den Freiburger Werken trennt sie ein weiter Zwischenraum.
Eine zweite und wie die vorbesprochene gleichfalls stilistisch
eng zusammengehôrige Figurenreihe für sich bildet der plastische
Schmuck der Archivolten des Mittelportales. Eine genaue Prü-
fung desselben ergiebt, dass er keinerlei Verwandtschaft mit den
Gestalten der ersten Gruppe zeigt, in manchen Punkten vielmehr
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