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eigentlich Kolmarer Stil, dem wir zuerst am Nikolausportale be-
gegnet sind, erhalten hat, zeigen uns die Statuen vom Choräussern
(Apostel, Propheten, Heinrich der Heilige, Kunigunde u. a. m.),
deren Ausführung bereits in die zweite Hälfte des XIV. Jahr-
hunderts fallen muss, da der Chorbau selbst erst in den Jahren
1350 — 55 in Angriff genommen worden ist. ⁴ Es ist geradezu
erstaunlich, aber sogar hier können wir teilweise noch einen stilis-
tischen Zusammenhang mit den vorerwähnten Skulpturen ent-
decken. Freilich tritt derselbe vor den ganz offenkundigen Ein-
flüssen, die einerseits von Strassburg, andrerseits von Basel ausge-
gangen sind, sehr in den Hintergrund.
Was die ersteren anlangt, so ist es unverkennbar, dass die
dortigen Prophetengestalten vom Hauptportale der Münsterfassade
stark auf die Kolmarer Steinmetzen eingewirkt haben, und es ist
ganz interessant zu sehen, wie nun in Kolmar die Verbindung
der jenen eignen erregten mit der einheimisch-ruhigen Richtung
zu einem merkwürdigen Kompromiss geführt hat, der nicht nur
in der allgemeinen Auffassung und Typenbildung, sondern auch
in der Gewand- und Bartbehandlung sichtliche Spuren hinterlassen
hat. So finden wir einerseits mächtige und grosse, weitabstehende
Falten, und andrerseits ist der Stoff bisweilen wieder ganz flach
gehalten, sodass er wie am Körper festklebt, indem er denselben
mit grossen, nur durch geringe Furchen oder Falten belebten
Flächen umzieht. In ähnlicher Weise ist der Bart teils als schwere
nur durch Rillen gegliederte Masse wiedergegeben, teils ist er
freier behandelt und in einzelne Strähne aufgelöst. Nirgends aber
weist er die tüchtige Durchbildung wie in Strassburg auf, wie
denn überhaupt die Arbeiten hier lange nicht auf der Höhe der
Strassburger Werke stehen. ⁴7
Auszunehmen hiervon sind nur die unter Basler Einfluss
entstandenen Figuren, welche weitaus die besten Statuen vom
Choräussern sind. Besonders auffällig treten uns die Beziehungen
zu Basel in den beiden Figuren Heinrichs II. und seiner Gemahlin
entgegen, denn diese sind den entsprechenden Basler Statuen, wie
es wenigstens aus der Entfernung scheint, ganz direkt und mit
grossem Geschick nachgearbeitet. Sie stehen daher auch an der
Spitze der ganzen Kolmarer Plastik dieser Zeit.
Was uns die Betrachtung derselben lehrt, ist nichts Neues:
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