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die Entſcheidung in unſerer ganzen Ver⸗
faſſungsfrage liegt, ſich bereit finden wird,
die auf die Dauer unhaltbaren Zuſtände
zu beſeitigen, läßt ſich auch nicht annähernd
vorausſehen. Das elſaß⸗lothringiſche Volk
muß aber ohne Unterlaß die Beſeitigung
der ohne ſein Zutun geſchaffenen, uner⸗
träglichen LCage anſtreben und laut und
mit Einmütigkeit begehren; nur dann iſt
auch zu erwarten, daß unter dem Druck
der öffentlichen einung des geſamten
deutſchen Volkes die preußiſche Regierung
und der
unter ihrem SEinfluß ſtehende
Bundesrat ſich der Votwendigkeit nicht
weiter verſchließen werden, daß am Reichs⸗
land ein lange geübtes Anrecht gut zu
machen iſt und daß ESlſaß⸗Cothringen als
vollberechtigtes Mitglied des Reiches zum
Bundesſtaat erhoben werden muß.
NR
Gang und Geiſt unſerer inneren Politik.
Von
Georg Wolfk, (itglied des Candesausſchuſſes.
SEin politiſch überaus bewegtes Jahr
liegt binter uns: die bloße Kufzählung der
wichtigſten Vorkommniſſe würde mehrere
Spalten füllen. Wir wollen verſuchen,
einige Hauptlinien im Reich wie in den
Sinzelſtaaten zu verfolgen, um aus dem
Gang unſerer inneren Politiß ihren Geiſt
Zzu erkennen. Wo treiben wir bin, welchem
Ziele ſteuern unſere Staatsmänner zu?
Wie verhält ſich dieſes Ziel zu unſerem,
durch unſere politiſch⸗liberale ÜAberzeugung
beſtimmten deal? Das etwa ſind die
Fragen, die wir uns zu ſtellen haben, um
das rechte Arteil über die Sülle der poli⸗
tiſchen Sreigniſſe zu gewinnen, die ſich in
den letzten honaten zuſammengedrängt
baben.
Die Reichspolitik ſteht billigerweiſe
an der Spitze: ihr Höhepunkt waren die
Reichstagsauflöſung vom 13. Dezember
1906 und die Leuwahlen vom Januar⸗
Februar dieſes Jahres. Der Köonflikt
zwiſchen Regierung und Zentrum, der am
Tage der Kuflöſung zum Ausbruch kam,
bat genau ein Jahr vorher, am 11. De⸗ Umſtimmung des Zentrums zutage: es
Zember 1905, ſeinen Anfang genommen.
An dieſem Tage ordnete der ſtellvertretende
Kolonialdirektor, Srbprinz zu Hoben⸗
lobe⸗-Cangenbuürg, die SEinleitung des
Disziplinarverfahrens gegen einen unge⸗
treuen Beamten in der Kolonie Togo,
Wiſtuba, an, der ein Schützling des Zen⸗
trums, ſpeziell des Abgeordneten Roeren,
war, weil er der katboliſchen Miſſion in
Cogo Material zu ihrem Kampf gegen
die Beamten der Kolonie lieferte, der mit
den zweifelhafteſten Mitteln geführt und
von den Zentrumsgrößen nachdrücklich
gefördert wurde. Kolonialdirektor Stübel
hatte wiederholt dem Zentrum zu willen
ſein müſſen, weil man es mit der mächtigen
Partei nicht verderben wollte; der Erbprinz
beugte ſich nicht und fand dabei die Unter⸗
ſtützung des Reichskanzlers, der ſich von
den Drohungen Roerens, das Zentrum
werde nichts mehr für die Kolonien be⸗
willigen, wenn das Verfahren gegen Wiſtuba
nicht eingeſtellt werde, diesmal nicht bange
machen ließ. Bald trat die angekündigte
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