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Trotzdem war es eine wahre Tortur, sich die schweren und dazu noch heißen Dauerwellklemmen
aufsetzen zu lassen. Diese lang haltende Krause brachte schließlich das Aus für
die mit dem Brennstab hergestellten Ondulierwellen.
Preise Anfang der 50er Jahre:
Man ging längst nicht so häufig zum Friseur wie heute — zwei bis vier Wochen mußte
die Frisur schon überstehen. Die älteren Frauen scheuten sich auch nicht, sie durch ein
feines Haarnetz in Form zu halten.
Wie damals üblich kümmerte sich Herr Engler um die Herren, Frau Engler um die Damen
, wobei ihnen zunächst zwei (1958), später vier Angestellte (1964) zur Hand gingen.
Viele Lehrlinge wurden im Laufe der Jahre ausgebildet, bis auch in dieser Branche kaum
noch welche zu bekommen waren. Die Tochter Elke trat 1974 als letzter Lehrling in den
elterlichen Betrieb ein.
In der Mode wird der Wandel groß geschrieben
Die Modetrends wechselten einander ab, nicht zuletzt beeinflußt durch gesellschaftspolitische
Entwicklungen. Anfang der 60er Jahre bewunderte und imitierte man die hochtoupierten
und mit viel Spray voluminös gehaltenen Haare der Farah Diba, der zweiten Frau
des Schahs von Persien. Später war die natürliche, mädchenhafte Frisur von Jacqueline
Kennedy en vogue. Vor allem die Jugend orientierte sich an Leitbildern aus Film und Musikszene
: Elvis Presleys Haartolle wurde nachgeahmt und der rund geschnittene Pilzkopf
der Beatles. Haarteile und Perücken galten eine Zeitlang als schick und wurden von den
Englers auch noch angefertigt, bis um 1970 der Kunsthaarmarkt zusammenbrach.
Eine Abkehr von traditionellen Verhaltensmustern brachte die Hippie-Bewegung und die
Studentenrevolte von 1968. Gepflegte Frisur und »ordentliche« Kleidung waren nicht mehr
gefragt, Schlabberlook und langes Haar dominierten nun bei der Jugend. Es war keine
gute Zeit für Friseure, die den neuen Modetrend wie auch die Geldknappheit zu spüren
bekamen. So war eine besonders schwierige Zeit für die Englers nach der Währungsreform
und in der Rezessionsphase, die auf die »Talsohle« von 1968 folgte. Einen neuen Boom
brachte dann der Afro-Look Ende der 70er Jahre durch seine dauergewellte Krause.
Auch wenn sich Modetrends in Kleinstädten längst nicht so stark auswirken - Frau Engler
mußte ständig neue Techniken erlernen. Nach der Heißdauerwelle mit den schweren, beheizbaren
Klemmen war das Lockwell-Verfahren von Kadus eine wahre Wohltat; es läutete
den Siegeszug der Kaltwelle ein. Danach kamen Flachwickel auf und die »saure« Dauerwelle
, die sich seit 1957 neben den alkalischen Produkten auf dem Markt behauptet. Nach
und nach ersetzte Frau Engler einige der Trockenhauben wie auch der Lockenwickel durch
Föhn und Haarbürste.
All diese Veränderungen führten dazu, daß die Englers in den letzten knapp 40 Jahren
ihr Friseurgeschäft dreimal neu einrichten mußten. Hatte man sich früher zum Haarewaschen
nach vorn über die Waschbecken beugen müssen, so wird heute der Kopf über einem
bequem unter den Nacken geschobenen Becken sanft massiert. War das Färben der
Haare um die Jahrhundertwende nur mit Henna möglich, so war man Anfang der 50er
Jahre schon zufrieden, graue Haare schwarz überdecken zu können. Blond setzte gleich
zwei Arbeitsgänge voraus, da zunächst das Haar mit Wasserstoffsuperoxyd gebleicht wer-
Dauerwelle
Wasserwelle
Herrenschnitt
Kinderhaarschnitt
Rasieren
1,20 Mark
0,70 Mark
0,30 Mark
7,00
2,50
12,00 Mark
2,70 Mark
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