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Wiederaufbau: Neues Leben durch die Flüchtlinge
Am 9. August 1945 beruft der Oberkirchenrat Pfarrer Friedrich Kraut als Pfarrverwalter nach
Kenzingen. Die Gottesdienste rinden im ersten Nachkriegswinter im katholischen Pfarrsaal statt,
den der katholische Stiftungsrat der Gemeinde zur Verfügung stellt. Währenddessen wird die
Kirche notdürftig wiederhergestellt. Sie erhält ein Notdach aus Brettern, die Fenster werden mit
Brettern und Rollglas geschlossen. Das Konfirmationsfest 1946 wird wieder in der Kirche gefeiert91
.
Bereits im November 1945 tritt der Kirchenchor erneut zusammen, der seit 1941 nicht mehr bestanden
hatte. Dirigent ist Hauptlehrer Wilhelm Hack, der dem Chor seit 1918 vorgestanden
hatte. Neues Leben bringen auch die zahlreichen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in die Gemeinde
. Die Gemeinde verdoppelt sich von 640 (im Jahre 1946) auf 1445 (im Jahre 1954)92.
Die Flüchtlinge kommen überwiegend aus den evangelischen Ostgebieten und kennen von dort
eine andere, liturgisch wesentlich reichere Gottesdienstordnung.
Zu einer Brücke zwischen Flüchtlingen und Einheimischen wird daher eine neue Gottesdienstordnung
, die von nun an das 'Gloria', 'Kyrie' und Elhre sei Gott in der Höhe' in den evangelischen
badischen Gotteshäusern heimisch werden lässt. Diese neue Ordnung wird am 20. Oktober
1950 von der Landessynode verabschiedet93 und in Kenzingen zum Jugendsonntag 1951 eingeführt94
. Einen ähnlich großen Einschnitt gibt es im gleichen Jahr noch einmal zum 1. Advent,
als in Baden auch ein neues Gesangbuch verwendet wird. In diesem Gesangbuch gibt es nun
einen Stammteil, der in allen evangelischen Landeskirchen gleich ist. Es ist der Ausdruck der
beginnenden Einheitsbewegung des deutschen Protestantismus95.
Das rege Gemeindeleben, das sich unter dem jungen Pfarrer-Ehepaar Kraut entwickelt, trägt erheblich
zur Eingliederung der Heimatvertriebenen bei. Im Kirchenchor und anderen kirchlichen
Kreisen bilden sie die überwiegende Mehrheit96. Meistens finden die Zusammenkünfte des Männerkreises
im Nebenzimmer einer Wirtschaft statt, der Frauen- und Jugendkreis trifft sich in
einem kleinen Zimmer im Pfarrhaus. An einen Gemeindesaal, obwohl dringend benötigt, ist
vorerst nicht zu denken. Vordringlich ist, das Provisorium der notdürftigen Dach- und Fensterabdeckung
in der Kirche zu beenden. Im Winter 1949 werden die Fenster mit rautenförmigem
Kathedralglas wiederhergestellt. Und im Frühjahr 1951 erhält die Kirche ein neues Dach mit
einem kleineren, zwiebeiförmigen Türmchen. Das Richtfest wird im Februar 1952 gefeiert. Am
17. Mai 1952 läuten erstmals seit sieben Jahren die drei Glocken wieder. Zwar beteiligt sich die
Stadt als Eigentümerin der Kirche zu zwei Dritteln an den entstandenen Kosten, doch für die
Gemeinde ist die Verschuldung von 18 000 DM enorm. So muss die Reparatur der Orgel zum
großen Bedauern auf das Allernotwendigste beschränkt bleiben97.
Nicht nur in Kenzingen, auch in Herbolzheim vergrößert sich die evangelische Gemeinde. Sie
steigt hier von 423 Mitgliedern (im Jahre 1946) auf 800 (im Jahre 1954) an98. Ein Grund für die
Herbolzheimer, mit der Selbstständigkeit, das heißt, mit einem eigenen Pfarrer zu liebäugeln.
Herbolzheim, seit 1895 Diaspora der „selbstständigen Pastorationsgemeinde Kenzingen" und
seit 1909 „Filialgemeinde" von Kenzingen, wird am 1. Januar 1952 Pfarrvikariat und zwei Jahre
später selbstständige Kirchengemeinde. Am Erntedanksonntag 1954 feiert die Kenzinger Gemeinde
in einem Jubiläumsgottesdienst ihr 75-jähriges Bestehen.
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