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Die weiteren historisierten Initialen im Sanctorale stehen in direktem
inhaltlichem Zusammenhang mit den Festen und finden sich zum Fest der
heiligen Agnes (fol. 147v), zu Mariä Lichtmess (fol. 152r), zum Fest des
heiligen Benedikt (fol. 159v), zur Vigil Johannes Baptista (fol. 174v), zur
Geburt Johannes des Täufers (fol. 176v), zu Peter und Paul (fol. 179v),
zum Fest des heiligen Bernhard von Clairvaux (fol. 195r) und zum Fest
des Erzengels Michael (fol. 20lr). Das Fest der heiligen Katharina war
ursprünglich mit einer aufgeklebten Miniatur versehen, deren Umrisse am
unteren Blattrand noch deutlich sichtbar sind, die jedoch heute verloren ist
(fol. 207r). Ob sie die heilige Katharina darstellte, kann nur vermutet werden.
Zu Maria Magdalena war wohl ursprünglich eine Initiale eingeklebt, die
jedoch abgegangen ist. Unter den Klebstoffrückständen ist noch schemenhaft
die frühere Fleuronneeinitiale zu erkennen (fol. 183r). Auch hier kann nur
vermutet werden, ob die verlorene Initiale eine Darstellung aus dem Leben
der Maria Magdalena zeigte. Bis auf das Fest Papst Marcellus I. und die Vigil
zu Johannes Baptista handelt es sich bei allen mit historisierten Initialen
gezierten Heiligenfeste im zisterziensischen Kalender um Hochfeste, deren
besondere Stellung im Festkalender durch die künstlerische Ausgestaltung
betont wird. Jedoch wurden nicht alle Hochfeste durch historisierte Initialen
hervorgehoben und wie gezeigt wurde, handelt es sich bei zwei der Feste
nicht um Hauptfeste des zisterziensischen Ordenskalenders. Diese Betonung
einzelner Feste macht eine konventsbezogene Individualisierung des
standardisierten zisterziensischen Ritus sichtbar. Während es dem Konvent
aufgrund der Einheitlichkeitsmaxime des Ordens nicht gestattet war, selbst
über das Abhalten einzelner Feste zu entscheiden, ermöglichte die künstlerische
Ausgestaltung dennoch eine personale Aneignung.25
Datierung und Entstehungsort
Die Datierung des Graduale wurde bislang nicht abschließend geklärt. Ein sicherer
terminus post quem für die Entstehung der Handschrift bildet das im Jahr 1318
in den zisterziensischen Ordenskalender aufgenommene Fronleichnamsfest, das
im Graduale integriert ist. Ellen Beer konstatiert zwei durch 20 Jahre getrennte
Entstehungszeiträume der künstlerischen Ausgestaltung: Die 230 Filigraninitialen
und die acht historisierten Initialen ohne Goldgrund stammten aus der Zeit
der Äbtissin Agnes (1311-1326), die Beer in einer in der Initiale der heiligen
Agnes knienden Zisterzienserin zu erkennen glaubt. Die zweite Phase, in der die
Goldgrundinitialen über bereits vorhandene Filigraninitialen angebracht worden
seien, falle in die Zeit der Äbtissin Clara von Tigesheim, deren Wappen sich auf
fol. HOr im Graduale findet.26 Armin Schlechter und Gerhard Stamm hingegen
sprechen sich dafür aus, dass der gesamte Buchschmuck im vierten Jahrzehnt des
14. Jahrhunderts entstand.27
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