http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/pietzsch1877/0049
43
Macht des alten Herzogtimms keineswegs ganz gebrochen sei, ja
er musste die Ueberzeugung gewinnen, dass die lokalen Gewalten
, die, vielfach umschlungen von nationalen Erinnerungen,
ihren festesten Halt gerade im Volke haben, nicht zu verdrängen
seien. Die Klugheit rieth ihm, seine Politik zu ändern
und mehr und mehr zu den Grundsätzen seines Vaters zurückzukehren
, den durch den Stammesunterschied bestimmten Theilen
des Reichs in der Verwaltung so viel Freiheit einzuräumen,
als der Bestand des Ganzen nur immer zuliess.
Die Zeit des 10. Jahrhunderts, von der ich eben sprach,
gehörte ja, wie allbekannt, zu den ruhmreichsten Tagen unseres
Volkes. Und sie hat sich nicht unbezeugt gelassen. Sie spricht
zu uns in den hoch ragenden Munstern und den festen Mauern
der alten Städte, in den bemosten Burgen, die von unsern
Bergen blinken; sie tönt zu uns herüber in Helden- und Minneliedern
, deren Laute uns noch jetzt verständlich sind; —
in Flur und Wald, auf den Höhen und in Thälern gehen
die Sagen von des alten Reiches Herrlichkeit und Pracht
um, und unsere Vorfahren haben unwidersprechliche Zeugnisse
ihrer Macht und Grösse in vielen Tausenden alter Pergamente
und in zahlreichen Gescliichtswerken hinterlassen. Nicht zu
verwundern, dass unser Volk mit Selmsucht nach jener Zeit
eines grossen mächtigen Deutschlands zurückverlangt, zurückverlangt
um so energischer, je mehr es die traurigen Folgen
seiner innern Zersplitterung erfahren hat, je länger es in der
ununterbrochenen Entwicklung seiner reichen Kräfte gehindert
wurde.. So , verschiedenartige Richtungen sich auch in der
Gegenwart. durchkreuzen, so entgegengesetzte Partheibestrebungen
sich bekämpfen; — liier begegnen sie sich; aber freilich
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/pietzsch1877/0049