http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1905/0708
688 Psychisohe Studien. XXXII. Jahrg. 11. Heft. (November 1905.)
der Somnambulimu8 beweisen, dass selbst nach tausendjährigem
gänzlichen Schlummern eine Eigenschaft oder
Fähigkeit erwachen kann, wenn plötzlich ein ausserordentlicher
Anreiz erfolgt, oder wenn ein Wach schlaf den
Riesenbau von Verstand und Gewöhnung, unter dem sie
begraben liegt , vorübergehend beseitigt. Was wohl einem
flinken Affen, niemals aber einem schwerfälligen Menschen
unter normalen Umständen möglich wäre, vollbringt dieser
in der Hypnose oder unter anderen geeigneten Verhältnissen
(Furcht usw.) mit der grösstei: Leichtigkeit Das
ist doch noch viel wunderbarer, als das Ueberleben von
mehr als hundert Rudimenten zwecklos gewordener Organe
! (L. K. in der U.-B. des „Leipz. Tageblatt" vom
18. X er.)
f) Die Wahl des Dalai-Lama. Der Engländer
Waddell, der zu den wenigen Europäern gehört, die in das
Gebiet des Dalai-Lama eingedrungen sind, hat sich mit
dem Buddhismus Tibets sehr eingehend beschäftigt und
seine Studien in einem Werke („The Buddhism of Tibet
or Lamaism") niedergelegt, das eine willkommene Ergänzung
der Arbeiten Emil Schlaginiweifs und Köpperns anzusehen ist
und angesichts des englischen Tibetfeldzuges besonderes
aktuelles Interesse hat. Ganz besonders interessant ist,
was Waddell über die Wahl des buddhistischen Oberhauptes
und über den gewöhnlichen Verlauf der den Pilgern gewährten
Audienzen erzählt. Nach buddhistischer Anschauung
verkörpert sich im Dalai-Lama die Gottheit. Das
göttliche Wesen, der Buddha, der vor Zeiten, Christus
gleich, zur Erde niedergestiegen sein soll, um den Menschen
die Heilswahrheit zu verkünden, wird als nicht sterbend
betrachtet. Man glaubt, dass er von einem Körper zum
anderen wandert und somit stets in menschlicher Form auf
Erden weile. Diese Theorie einer beständigen Verkörperung
der Gottheit in ein menschliches Wesen ist nachweisbar
erst vor vier Jahrhunderten in Tibet ausgebildet worden,
weil die Priester eine unantastbare Stellung ihres Oberhauptes
als vorzügliches Mittel ansahen, ihren Einfluss zu
vermehren. Gegen die Mitte des XVIII. Jahrhunderts
spielte der damalige Minister den argen Streich, den Tod
des Dalai-Lama Jahre lang zu verheimlichen und den
Tibetanern eine Puppe als den in Anschauung und Andacht
versunkenen Landesfürsten zu zeigen. China kam hinter
den Betrug, erhielt damals das Recht, Truppen im Lande
zu unterhalten und benützte einen von seinen Gegnern angezettelten
Aufstand zur Beseitigung der Ministerwürde und
Einsetzung kaiserlicher Kommissäre, deren Willen seitdem
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1905/0708