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12 Psychische Studien. XXXV. Jahrg. 1. Heft. (Januar 1908.)
lungert war, das Porträt ihres Sohnes zu erhalten und dass
wir es noch einmal versuchen müssten. Zu meiner grossen
Verwunderung empfing ich einen Brief von ihr, in dem
stand, dass, obwohl es richtig sei, dass sie kein Bild ihres
Sohnes bekommen habe, das Porträt der, wie ich sie genannt
hatte, unbekannten Dame eine grosse Ueberraschung
für sie war. Es zeigte eine ganz überraschende Aehnlich-
keit mit ihrer vor acht Jahren in Indien gestorbenen
Schwester. Ich muss zugeben, dass mich das etwas überraschte
, allein ich war weit davon entfernt, ihre Ansicht
über die Aehnlichkeit als richtig anzunehmen. Die Menschen
täuschen sich oft, indem sie sich einbilden, ein Porträt
gleiche jemandem, den sie geliebt und verloren haben,
obwohl die Aehnlichkeit in Wirklichkeit so gering ist, dass
niemand anderes etwas davon merkt. Ich fragte daher bei
meiner Freundin brieflich an, ob es noch jemand anderes in
England gebe, der ihre Schwester erkennen würde. Sie
antwortete: ja, ihre Mutter und eine andere Schwester. Auf
meine Bitte unterbreitete sie die Photographie ohne jede Erklärung
zuerst ihrer Schwester und dann ihrer Mutter bei
verschiedenen Gelegenheiten; sobald sie die Photographie
sahen, brachen sie in Rufe der Ueberraschung aus und
fragten sie, woher sie nur das Porträt ihrer Schwester bekommen
habe. Das Wiedererkennen war ein sofortiges
und eine der Frauen wurde davon so gerührt, dass
sie in Tränen ausbrach.
Nun frage ich den skeptischsten Leser, ob ich angesichts
einer Tatsache, wie dieser, nicht das Recht habe,
an Geisterphotographien zu glauben? Ich will mich gerne
überzeugen lassen, wenn mir jemand eine bessere Hypothese
weiss, als diejenige, welche der Geisterphotographie zu
gründe liegt, um die Erscheinung des Bildes dieser Dame
hinter dem Porträt ihrer Schwester zu erklären. Ueber-
legen wir einmal die Sache: in erster Linie hatte der
Photograph, wie gesagt, keine Kenntnis von dem Namen,
der Airesse und der Identität der Dame, die er photo-
graphierte; um so weniger konnte er daher wissen, was
auch mir unbekannt war, dass eine Schwester von ihr gestorben
war. Sodann konnte keine Gedankenübertragung
stattfinden, meine Freundin dachte ja gar nicht an ihre
Schwester, sondern hatte alle ihre Gedanken auf ihren
Sohn konzentriert. Was mich betrifft, so dachte ich eben*
falls an den Jungen und konnte an diese Schwester gar
nicht gedacht haben, da ich deren Existenz erst einige
Tage später erfuhr. Selbst wenn jenem gesagt worden wäre,
dass wir das Porträt einer Frau wünschten, die vor acht
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