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Seiling: DieAuferatehung Christi im Lichte der okkultForschung. 209
Okkultismus und zumal den Spiritismus (ein Teilgebiet
jenes) für Schwindel halten, müssen hier einige Bemerkungen
eingeschaltet werden. Niebuhr hat einmal gesagt, dass eine
Sache, die nicht missbraucht werden kann, nichts tauge.
Damit stimmt es überein, dass die wertvollsten Dinge, wie
namentlich die Religion, am meisten missbraucht werden.
Nach dem Umfang des Missbrauchs zu schliessen, müsste
auch der Okkultismus eine sehr wertvolle Sache sein. In
diesem Punkt wird jedoch recht allgemein eine ganz andere,
nämlich die folgende Logik beliebt: Hat ein Medium einmal
betrogen, dann hat es immer betrogen; folglich
haben alle Medien stets betrogen; folglich ist der Spiritismus
überhaupt Schwindel; folglich ist dies auch der
ganze Okkultismus! Diese tolle Logik steht in engem Zusammenhang
mit der ganz und gar unwissenschaftlichen
apriorischen Leugnung von Tatsachen, wie sie in der Geschichte
der Wissenschaft oft genug vorkommt. Weil ein
Gelehrter für die Erscheinungen, die ihm bekannt geworden
sind und begreiflich vorkommen, sich Schubfächer von gewisser
Grösse zurecht gemacht hat, erklärt er, sobald er
noch so zuverlässige Kunde von neuen, ihm unbegreiflich
dünkenden Erscheinungen erhält, vorweg: „Diese Erscheinungen
sind nicht möglich, weil sie in meine Schubfächer
nicht passen.41 Nebenbei gesagt, es gibt übrigens unter
den Zunftgelehrten genug heimliche Okkultisten, die zu
einem öffentlichen Bekenntnis nur zu feige sind. — Merkwürdig
ist auch, dass der von jedem ehrlichen Wahrheitssucher
zu befolgende Grundsatz, über Dinge, die er nicht
kennt, auch nicht zu reden, in Sachen des Okkultismus
nicht gilt. Hier wird lustig drauflosphantasiert, ohne dass
die Schreiber und Sprecher auch nur ahnten, dass die
grössten Geister (Kant, Schopenhauer, Goethe u. a.) und viele
hervorragende Naturforscher, aber auch mehrere Taschenspieler
sich zugunsten des Okkultismus ausgesprochen haben;
dass es eine grosse Menge vollkommen genügend beglaubigter
okkulter Tatsachen der verschiedensten Art gibt;
dass die wissenschaftlichen Vertreter des Okkultismus und
ihre Organe den spiritistischen Unfug selbst rücksichtslos
bekämpfen und dass sie, wo echte Tatsachen vorliegen, weit
entfernt sind, ihr Entstehen ohne weiteres den „Geistern"
der Verstorbenen zuzuschreiben oder mit der „vierten Dimension
" in Verbindung zu bringen, die nicht etwa eine Erfindung
der Spiritisten, sondern eine Hypothese namhafter
Mathematiker ist. Wenn Goethe uns immer wieder als
Vorbild aufgestellt wird, dann muss er es doch wohl auch
in seinem Verhalten gegegen okkulte Probleme sein. Ge-
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