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282 Psychische Studien. XXXV. Jahrg. 5. Heft. (Mai 1908.)
keit Zeugnis geben, jedoch beweisen die Tatsachen, welche
wir im Begriffe sind zu erzählen, ihre Wahrhaftigkeit und
Lauterkeit bis zum Ueberfluss.
Z weites Kapitel.
Wann der Geist Regina zu belästigen, zu erscheinen,
zu sprechen begann, und warum er sprach:
Kaum ein Monat war vergangen, nachdem Johann
Clement aufgehört hatte unter den Lebenden zu weilen, als
am 29. Tage des Monats Juli im Jahre 1641 zwischen 11
Uhr abends und Mitternacht der Geist die junge Regina von
Hallstadt in diesem Orte und sogar in ihrem elterlichen
Heim anzufallen begann. Zuerst klopfte er dreimal an ihr
Bett, darauf zeigfe er sich ihr selbst. Er trug ein weisses
Kleid, das ihm bis auf die Fersen herabfiel, und gewährte
den Anblick eines alten Mannes. Er verweilte einige Zeit
stillschweigend vor ihr, dann verschwand er. Mittlerweile
wünschte Regina98 Tante, eine Lutheranerin, ihre Nichte
von Hallstadt, wo sie bei ihren Eltern lebte, nach Pressburg
zu bringen, wo bereits ihre Schwester war, indem sie
vorgab, sie aus Familiengründen nötig zu haben ; in Wirklichkeit
aber, wie sich später herausstellte, um sie zur
lutherischen Irrlehre zu bekehren. Regina brach deshalb
nach Pressburg auf, wo ihre Schwester war, indem sie der
Donau folgte; aber als das Boot in Stein ankam, gerade
als es ans Land gezogen wurde, erschien ihr der Geist
abermals in derselben Weise und zur selben Stunde, wie
vorher. —
Oft genug hatten Gespenster das Gemüt Regina1 s beunruhigt
und lange Zeit hindurch hatte sie auf jegliche
Weise versucht, sich von ihnen zu befreien. Sie machte
daher, während sie den göttlichen Beistand erflehte, ein
Gelöbnis, sich fortan der heiligen Jungfrau zu weihen,
jeden Sonnabend strenge zu fasten, sich warmer Speisen zu
enthalten und vor dem Zubettgehen besondere Gebete zu
verrichten. Dessen ungeachtet Hess sie der Geist nicht in
Frieden. Denn kaum hatte sie Pressburg erreicht, als sich
der Geist darauf verlegte, sie zweimal die Woche zu quälen.
Das Haus, welches sie bewohnte, war sehr schön, in einer
Vorstadt nicht unweit der Festung gelesen; es war vom
Grafen Paul Palffy von Erdöd erbaut worden. In diesem
Hause wurde sie während mehrerer Monate von Erscheinungen
belästigt, welche bis zur Weihnachtszeit andauerten
und späterhin noch unerträglicher wurden. Fürwahr, eines
Tages, als sie eben die Tür des Speisezimmers öffnete,
stürzte sich der Geist mit Ungestüm auf sie, gerade, als ob
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