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340 Psychische Studien. XXXV. Jahrg. 6. Heft. (Juni 1908.)
gerade erst erklärt werden soll: die Selbständigkeit und
Vereinzelung der Seelen oder ihr Heraustreten aus der
Einheit mit der Weltseele. Und so endet Plotin schliesslich
doch mit dem Eingeständnis, dass der letzte Grund
für das Herabsteigen der Seelen in die Körperwelt nur in
dem Einen, in Gott selbst liegen könne (IV, 8, 5), insofern
dieser durch seine Energie oder Willenstätigkeit alles
Einzeldasein aus sich heraussetzt, sich in die Vielheit
seiner Erscheinungen auseinanderfaltet und deren Stufenfolge
mit unentrinnbarer Notwendigkeit bestimmt (V, 2, 2;
VI. 2, 5 u. a.). —
Jedenfalls hat die Seele mit ihrem Herabsteigen in
die Körperwelt auch ihre ursprüngliche Vollkommenheit
eingebüsst. Mit dem Stoff verbunden, wird sie auch von
dessen Masslosigkeit mit angesteckt, ist den Leidenschaften
unterworfen und in ihrem reinen Wesen getrübt (I, 8, 4 u.
5). Nur ihr höherer Teil bleibt stets im Intelligiblen; ihr
unterer Teil aber ist in die Sinnlichkeit eingetaucht und
von ihr überwältigt. So ist die menschliche Seele ein
Doppelwesen: ein Amphibium, indem sie gleichzeitig
sowohl im Jenseits, wie im Diesseits lebt (IV, 8, 4 u. 8).
Der Mensch selbst aber ist sogar ein dreifach zusammengesetztes
Wesen. Der wahre, eigentliche Mensch ist der
i n t e 11 i g i b 1 e: d.h. die Idee des Menschen in ihrer
Einheit mit dem Intellekt oder der Weltseele (I, 1, 7 u.
10; VI, 7, 5). Zu ihm verhält sich, wie der Stoff zur
Form, der seelische oder inwendige Mensch (V, 1, 10;
I, i, 13). Und dessen Verbindung endlich mit dem Körper
ist der sinnliche Mensch. Der intelligible Mensch erleuchtet
gleichsam den seelischen und dieser wiederum den
sinnlichen. Und so hat in gewissem Sinne auch wieder
der niedere Mensch an dem höheren teil, insofern der Leib
beseelt und die Seele wieder begeistet ist (VI, 7, 6).
Die Verbindung der Seele mit dem Leibe
denkt sich Plotin demnach so, dass die Seele nicht selbst
unmittelbar in den Körper eingeht, sondern nur, gleichsam
wie ein Licht, in ihn hineinleuchtet und ihn dadurch zu
einem Abbilde des intelligiblen Menschen gestaltet, während
sie selbst in sich verharrt. Sie ist im Körper also nicht
ihrem Wesen, sondern nur ihrer Tätigkeit nach. Sie bedient
sich seiner, um zu wirken und sich nach aussen zur
Erscheinung zu bringen. Und zwar wirkt sie verschieden
je nach der verschiedenen Beschaffenheit der Organe, deren
sie sich jeweils bedient. Nur dadurch erscheint ihre Wirkungsweise
verschieden; sie selbst aber wirkt immer als
Ganzes und steht als einfaches Wesen, das mit seinem
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