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424 Psychische Studien. XXXV. Jahrg. 7. Heft. (Juli 1908.)
sich beteiligt haben soll,*) dürfte dergleichen Verdächtigungen
vollends schockweise auf das Haupt aller Okkultisten
regnen lassen.
War es da im Hinblick auf die in den Jahren von 1889 ab
nach einander erfolgenden gerichtlichen Verurteilungen der
„Medien" Karl Wolter (Resauer Spuk), Frau Valeska Töpfer
und Frau Anna Rothe, wegen angeblichen dauernden Betrugs
des Publikums, nicht doch ein sehr gewagtes Spiel von den
Berliner Spiritisten, die dieser Tage wegen Kindesmiss-
handlung unter Anklage gestellte und in zweiter Instanz
zu 4 Monaten Gefängnis verurteilte Frau Dr. Else Bergmann
dadurch vielleicht den Händen des Strafrichters entziehen
zu wollen, dass man dem Gericht gegenüber den Nachweis
zu liefern versuchte, dass diese Frau Dr. B. als das spiritistische
Medium »Elly Paula," wie sie auch Tageszeitungen
benennen, nicht aus freiem Antriebe die soviel besprochenen
schweren Kindesmisshandlungen begangen haben könnte,
da sie doch dauernd durch fremde Intelligenzen ohne
freien Willensantrieb höchst sonderbare Phänomene hervorrufe
? Einmal wissen wir es ja, wie heikel es mit spiritistischen
Beweisführungen vor Gericht mit seinen dem
Okkultismus meist verständnislos gegenüberstehenden Richtern
steht; fast immer noch haben diese Beweisführungen
dort uns und das Medium im Stich gelassen. Zweitens
aber war die Echtheit der Medialität der Frau Dr. B.
schon vorher dadurch in Frage gestellt worden, dass sie
eingestandenermassen zur Unterstützung ihres Systems von,
bei ihrer Stieftochter gebrauchten Misshandlungen selbst
schon künstlich eine Geistererscheinung bewerkstelligt
hatte. Wie hätte da wobl das Gericht an eine Echtheit
der Mediumschaft einer Frau Dr. B. glauben können 1
Dass die Berliner Spiritisten, die doch wohl einzig zu dem
Zweck, der Angeklagten damit nützlich zu werden, den
Buf derselben als „Medium" unter dem Publikum verbreiteten
, um durch die nElly Paula" die Kindesmisshand-
lerin Frau Dr. B. zu salvieren, diesen ganz verkehrten
Schritt taten, ist angesichts ihrer sonstigen vielseitigen Beschlagenheit
im Spiritismus rein unbegreiflich. Denn will
man „okkulte" Phänomene vor der Welt, das heisst vor
der denkenden und scharf urteilenden Menschheit, auf ihre
Echtheit beglaubigen lassen, dann muss man dafür Sorge
tragen, als die Träger dieser Phänomene zuerst ganz einwandfreie
Medien, und für ihr Auftreten ganz einwandfreie
Bedingungen, dem ob der ganz ungewohnten Verhältnisse
natürlich recht zweifelsüchtigen Publikum anzubieten.
*) VgL „Zeitschr. für Spir.« Nr. 25 vom 20. Juni er. — Ee d.
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