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446 Psychische Studien. XXXV. Jahrg. 8. Heft. (August 1908.)
unten geschilderte Seance stattgefunden hat) wohnt in der
zweiten Etage. Wir erwarteten Mr. Miller auf der Strasse.
Er kam allein, zu Fuss, seine Zigarre rauchend. Mr.
Klebaer, welcher ihn auf seiner letzten Reise begleitet hatte,
war diesmal in Amerika geblieben. Jene Gegner,
welche seinerzeit versucht haben, diesen Begleiter als Komplizen
Miller'* hinzustellen, müssen diesmal von diesem Einwand
Abstand nehmen. Freilich wird man jetzt sagen,
dass der einmal unerlässliche Helfer in der Reihe der Teilnehmer
sich befunden habe. Ich müss aber gleich hier bemerken
, dass, soweit es die Sitzung betrifft, der ich beigewohnt
habe, dieser Verdacht die reine Bosheit wäre. Alle
Anwesenden kannten sich und niemand ist unter denselben,
der nur zum leisesten Argwohn Anlass gäbe. Uebrigens
wie häjtte ein solcher Komplize wohl operiert? Doch wir
wollen nicht vorgreifen.
Miller drückt uns in der Vorhalle die Hand. Er trägt
keinen verdächtigen Gegenstand. Er geht mit uns die
Treppen hinauf und tritt in das Sitzungszimmer, ohne dass
er mit irgend einem der Eingeladenen in Berührung gekommen
wäre.
Das Zimmer ist in diesem Momente leer; die Teilnehmer
sind nocji nicht eingetreten. In einer Ecke
wird das Kabinett aufgeschlagen. Oben eine*Decke, wie
eine Art Himmelbett, von welcher Vorhänge bis auf den
Fussteppich herabhängen. Wir untersuchen die Decke, die
Vorhänge, den Teppich, alles gründlich. Dann prüfen wir
die Möbel und sehen hinter die Gemälde an der Wand.
Kein Gegenstand im Zimmer entgeht unserem prüfenden
Blick. Und wir entdecken nichts, absolut nichts, was verdächtig
scheint.
Nun bitten wir Miller, sich zu entkleiden. Er tut es
bereitwillig und steht bald nackt vor uns. Seine Kleider,
sein Hemd, seine Strümpfe" und Schuhe werden in ein
Nebenzimmer gebracht. Wir geben ihm ein schwarzes
Hemd, ein Beinkleid, einen Rock ohne Taschen und ein
paar Strümpfe. Alles ist vorher von uns genau untersucht
worden. Aber selbst das hat uns noch nicht genügt. Wir
wissen ja, dass die Ungläubigen behaupten werden — und
sie haben es schon getan —, dass Miller die für die Herstellung
seiner Phantome nötigen Gegenstände verborgen
am Körper trage. Nun, man verzeihe diese Details, wir
sind in unserer Prüfung noch viel weiter gegangen. Wir
Hessen ihn die Arme heben und die Beine spreizen. Er
lachte zu dieser Gymnastik. Vier Augenpaare untersuchten
ihn währenddessen von oben bis unten, überall. Ich kann
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