http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1908/0486
Kornherr: Ein Spukhaus bei London.
473
bald darauf hatte man den Bindruck, als wenn sich jemand
schwerfällig in einen der beim Tische stehenden Stühle
setzen würde. Man hörte das Knarren des Sessels, sah jedoch
niemand. An eine Fortsetzung der Mahlzeit konnte
nicht gedacht werden. Im Zimmer roch es wie in einem
Pesthause. Alle Fenster wurden geöffnet, der Gestank
aber erfüllte allmählich das ganze Haus. Ich erwähne dies,
da sich dies erst letzten Donnerstag ereignete, ein ähnlicher
Vorfall jedoch auch gestern stattgefunden haben oder heute
stattfinden kann; denn wie ich weiss, ist dieses übelriechende
Gespenst in seinen Gewohnheiten launenhaft.
Als kürzlich die Frau eines wohlbekannten Machthabers
des Ostens zum Lunch kam, wurde die Mahlzeit
durch den ungebetenen Gast gestört, und es war unmöglich
, das Geheimnis des Besuches zu erklären. Unlängst
entfaltete er die Gewohnheit, von Zimmer zu Zimmer zu
gehen, hinter sich den Leichenhausgeruch lassend, und dann
und wann machte er beim Fünfuhr-Tee einen Besuch. —
Dass meine Freundin mutig ist, kann man der Tatsache
entnehmen, dass sie all diesem Spuk monatelang standgehalten
hat und ihn noch jetzt erträgt. In der Ueber-
zeugung, in der Nähe einer entkörperten Persönlichkeit zu
sein, welche aus irgend einem seltsamen und geheimnisvollen
Grunde an diese Villa örtlich gebunden ist, war sie
ihr sogar öfters ins Schlafzimmer gefolgt und versuchte —
freilich umsonst — mit ihr in Verbindung zu treten, indem
sie dieselbe, sie ansprechend, wer sie auch immer sei, auf
die ausserordentliche Lästigkeit aufmerksam machte, die
ihre rücksichtslosen Besuche der Familie verursachen. Sie
bat sie, ihr mitzuteilen, was sie wünsche, da sie alles tun
würde, ihren beunruhigten Geist zu besänftigen, wenn sie
sich dadurch nur Befreiung von ihrer abscheulichen Gegenwart
sichern könnte. Auf alle ihre Beschwörungen und
flehentlichen Bitten gab es aber nur eine Antwort: den
immerwährenden furchtbaren Geruch.
Viele Leute bewohnten allerdings dieses Zimmer, ohne
belästigt zu werden. Einige, wie ich schon erwähnte,
schliefen darin ruhig drei Wochen hindurch, wurden aber
dann in den letzten zwei Nächten ihres Aufenthaltes auf
brutale Weise gestört. Ein experimentierender Forscher
könnte deshalb ev. Nacht um Nacht im Hause verbringen,
ohne etwas berichten zu können; andererseits könnte er
aber auch vielleicht durch die auf seinen Mund gepresste
kaltfeucbte Hand, während seine Nase zur Einatmung des
Fäulnisgeruches frei gelassen wird, halb oder ganz um
seinen Verstand gebracht werden. —
81*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1908/0486