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566 ^ych. Studien. XXXV. Jahrg. 10. Heft (Oktober 1903.)
und Müdigkeit verbunden, eine Tatsache, welche der ehrlichen
Skeptik auch zu denken geben sollte. Da der geehrte
Leser in der eingehenden Schilderung der interessanten
Kontroll-Sitzung (25. Juni 1908) ein typisches Bild
des allgemeinen Verlaufes einer Miller'schen Seanee erhalten
hat, so können wir uns in dem Berichte über die übrigen
Sitzungen auf die Erwähnung der besonders bemerkenswerten
Erscheinungen und Phänomene beschränken.*) Zur
Kontroll-Sitzung selbst bleibt nur noch nachzutragen, dass
sie sich von den gewöhnlichen Sitzungen auch dadurch
unterschied, dass sich das Medium gleich bei Beginn in das
Kabinett begab, während es sonst im Kreise der Teilnehmer
, nahe am Kabinett sitzend, die ersten Erscheinungen
der Phantome abwartet und sich (nicht im Trance befindlich
) mit seinen Freunden über die Phänomene unterhält.
Es wurde in der Kontroll - Sitzung von diesem Verfahren
offenbar aus Gründen der gänzlichen und einwandfreien
Isolierung des Mediums abgewichen. —
Die erste Sitzung, welche Mr. Miller in intimen
Kreisen von Freunden und Bekannten gab (15. Juni 1908)
lieferte ein lehrreiches Beispiel der üblen Polgen, welche
aus einem inkorrekten, das Medium brüskierenden Verhalten
seitens übereifriger, nach Entlarvung dürstender Skeptiker
entstehen. „Das Medium sass ausserhalb des Kabinetts," erzählt
Dr. Dusarl, „und lud mich ein, mich zu seiner Linken
zu setzen. Man plauderte mit halblauter Stimme und auch
das Medium nahm an der Unterhaltung teil, als die Vorhänge
sich öffneten und ein Phantom von hoher Gestalt erschien
. Die Materialisation war noch nicht vollständig.
Plötzlich fordert ein junger Doktor ungestüm Mr. Miller auf,
ihm beide Hände zu geben. (Jedermann, der kaltblütig ist,
wird sich fragen, welcher Beweis kann wohl durch eine derartige
Massnahme erbracht werden, da das Phantom mehr
als einen Meter von dem Medium entfernt war und letzteres
ganz unbeweglich blieb und neben mir plauderte.) Miller,
erregt durch die sonderbare und beleidigende Forderung,
erhob sich mechanisch und streckte seine Hände dem Doktor
entgegen, der sie mit solcher Heftigkeit ergriff, dass
das so äusserst sensitive Medium während 28 Stunden empfindlich
blieb. Dieses Auftreten brachte Unruhe in die
Versammlung und das Phantom verschwand nach wenigen
Sekunden, nachdem es noch versucht hatte, seinen
Namen zu geben. Kurz darauf hörte man Betzy
*) Zusammengestellt nach Mitteilungen des „Echo du Mer-
veilieux*, »Revue Scientifique* usw. P.
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