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726 Psych. Studien. XXXV. Jahrg. 12. Heft. (Dezember 1908.)
fundamentale Verschiedenheit heute nur noch selten geleugnet
wird; wenigstens stehen die Materialisten auf dem
Aussterbeetat, die da behaupten, dass alle seelischen, bezw.
geistigen Vorgänge nur eine besondere Art von mechanischen
Vorgängen seien, —
Bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen
Leib und Seele kann nicht genug beachtet werden, dass wir
mit unmittelbarer Gewissheit nur Kausalbeziehungen
zwischen psychischen Vorgängen
wahrnehmen. Wenn wir einen Kausalzusammenhang auch
zwischen materiellen Vorgängen annehmen, die unabhängig
von unserem wahrnehmenden Geiste sind, so ist das ein
Analogieschluss, wenn man will eine Hypothese; aus der auf
geistigem Gebiete wahrgenommenen Kausalität folgert
man eine Kausalität auch auf materiellem Gebiete,
Allein wir wollen in Uebereinstimmung mit aller Naturwissenschaft
das Vorhandensein von Kausalität im materiellen
Geschehen zum Axiom erheben, d. h. als Voraussetzung
fordern* Es fragt sich nun, ob Materielles auch
kausal auf Psychisches wirken oder dies hervorbringen
könne und umgekehrt.
Die Sinnesorgane sind materielle Fühlfäden, die unsere
Seele der äusseren, der mechanischen Welt, entgegenstreckt.
Diese Sinnesorgane funktionieren indessen nur in Verbindung
mit dem nervösen Zentralorgan des Grosshirns, in
dessen Rinde der Sitz der Wahrnehmungen, der Assoziationen
und zahlreicher psychischer Verrichtungen nachgewiesen
wurde. Wenn wir z. B. unsere Zunge mit Zitronensaft
netzen, so entsteht durch den hiermit verbundenen
chemischen Vorgang ein Reiz, der das Anfangsglied einer
Kette, einer sogenannten Reizkette, bildet, die durch die
betreffenden Nerven sich zur Grosshirnrinde fortpflanzt und
hier in der Seele die Empfindung von sauer auslöst. Ob
ausser dem Anfangsglied der Reizkette die übrigen hierbei
zur Geltung kommenden Reize gleichfalls chemischer oder
sonstwie mechanischer Art sind, kann dahingestellt bleiben,
man weiss nichts Sicheres darüber. Die Empfindung
von sauer ist aber ganz sicher weder etwas Chemisches,
noch etwas Mechanisches, sondern etwas Psychisches; und
doch wurde dies psychische Etwas durch die erste chemische
Einwirkung der Zitronensäure auf die Zunge wenigstens
indirekt veranlasst.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Riechen. Befindet
sich etwas Moschus in meiner Nähe, so wirkt dessen
Dampf chemisch auf die Nasenschleimhaut ein, der Reiz
wird fortgeleitet zur Grosshirnrinde, und hier entsteht die
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