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728 Psych. Studien. XXXV. Jahrg. 12. Heft. (Dezember 1908.)
himrinde psychische Vorgänge parallel laufen, ohne dass
kausale Abhängigkeit zwischen beiden besteht. Abgesehen
davon, dass diese Hypothese unerörtert lässt, warum gerade
den materiellen Vorgängen in den Zellen der Grosshirnrinde
und nicht allen übrigen chemischen und physikalischen
Prozessen, die sich in der Natur finden, ein seelisches Korrelat
entspricht, ist sie weit davon entfernt, eine annehmbare
Erklärung des Verhältnisses von Leib und Seele zu
bieten. Denn einerseits schaltet sie an der wichtigsten
Stelle das sonst die ganze Natur beherrschende Kausalprinzip
aus; dann aber hebt sie die für das Verständnis
der Beziehungen zwischen Leib und Seele bestehenden
Schwierigkeiten keineswegs auf, sondern au die Stelle eines
Rätsels setzt sie ein grösseres, dunkleres. Während ich
sage: „Leib und Seele wirken aufeinander, ich weiss nur
nicht wie?a sagt die Parallelismus - Hypothese: „Es geht
zwischen Leib und Seele etwas vor, ich weiss nur nicht
was, aber Kausalnexus ist es nicht." —
Wir kommen zu einer letzten Staffel von Problemen,
die vor dem denkenden Menschengeiste sich auftürmen und
die wir in die eine Frage zusammenfassen können: Woher
stammt das wunderbar harmonische Gefüge der Natur, von
dem Zusammenhange unseres Sonnensystems an bis zur
Enwickelung der Pflanzen und Tiere und deren höchster
Blüte, dem menschlichen Geiste? „Halt!" rufen da die
einen und wollen uns die Hand auf den Mund legen, „die
Frage darf nicht gestellt werden, sie wäre ein Abweg von
wahrer Naturwissenschalt, denn sie lührt schnurstracks ins
Gebiet des Metaphysischen, und davor sollte jedem Naturforscher
die Haut schaudern. Der Gesamt-Kosmos ist uns
gegeben, wie die Zellen uns gegeben sind und wie der
Menschengeist uns gegeben ist. Beruhigen wir uns dabei,
und lassen wir jene Frage. Hier liegt gar kein Problem
vor, zum mindesten keins, das sich bearbeiten lässt."
Fast scheint es, als ob ich selbst am wenigsten mich
diesem Ausweichen vor einer unbequemen Frage widersetzen
sollte, da ich bei der Zelle und beim Menschengeiste
nicht wesentlich anders urteile, und jene Frage tatsächlich
ins Metaphysische abschweift. Allein wie selten ein Mensch
gefunden wird, dem nicht irgend ein religiöses Bedürfnis
innewohnt, so gibt es auch keinen denkenden Menschen
ohne metaphysische Bedürfnisse, und keinen Menschen, der
nicht auf die eine oder andere Weise solchen Bedüimissen
Befriedigung zu schaffen sucht. Weil dies menschlich ist,
ist es auch ein gutes Recht des Menschen, die obige Frage
zu stellen und, so gut es ihm gelingt, eine Antwort darauf
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