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I
Literaturbericht 399
das Einsieinscho ReMivitätspmnzip in Raum und Zeit. Eke prinaipilelle
Untersuchung, zugleich ein neuer Weg zur Lösung des Leibensproblems."
Der Titel gibt schon ein ganz gutes Bild davon, was den Leser dies
Hefties erwartet. Die Arbeit tritt mit dem Anspruch auf, „eine Entdeckung
von noch ganz unabsehbarer Tragweite" zu enthalten und Aufschlüsse
zu bieten, „nach denen die Wissenschaft seit Jahrtausenden vergeblich
suchte", sie wirft dem Physiker Einstein „schwere Täuschung und falsche
mathematische Formulierung seines Reiativitätsprkizipes" vor, sie behauptet
endlich, daß sie eine strenge mathematische Beweisführung gegsen
die Einsteinseihe Begründung des Relativitätsprinc&ipes enthalte. Diese
Äußerungen, die airoli durch (die Tageszeitungen weiterverbreitet wurden,
sowie der Umstand, daß der Verfasser sich bitter über das Totschwergein
ein.er früheren Arbeit durch die offizielle Wissenschaft und die Nichtbeachtung
seiner brieflich an Prof. Einstein genichteten Einwände beklagt,
geben Veranlassung, die Arbeit*Dr. Klelnschrods etwas genauer unter die
Lufpe zu nehmen. Wer es über sich bringt,, wie ich, das ganze Weichen
wirklich durchzuarbeiten, nicht etwa nur zu lesen (dazu eigqiet es
sieh nicht), der erkennt freilich, daß zu einer wirklichen Erwiderung ein
Band von mindesten« ebenfalls 60 Seiten. notwendig wäre. Allen Physikern
, Mathematiker und Ingenieuren kann die Anschaffung und das
Studium »des Büchleins deshalb empfohlen werden, weil es m. W. zurzeit
ke^'n besseres Beispiel dafür gibt, in welcher Weise die mathematischen
und physikalischen Faohausdrücke selbst von akademisch gebildeten Laien
mißverstanden werdem, und welche Folgen solche Mißverständnisse haben
können. Wie gesagt, kann ich hier nur ein paar Beispiele aufs gerade-
wohl herausgreifen. Schon giaich das Wort Prinzip wind zunächst in
der Bedeutung „Regel" oder „Vorschrift"' gebraucht, z. B. in der Zusammensetzung
„Posii'tivitätstprjfnzipEame Seite später dagegen tritt es
in deir Bedeutung „Grundvoraussetzung", Urgrund, auf. Übrigens sei
schon hier gMch gesagt, daß der Verfasser es nirgends für nötig hält,
einerseits das Einsteinsdhe Relativitätss anderersieits sein eigenes Posi-
tivität9prin«zip klar und knapp wirklich in Worte zu fassen. Überhaupt
muß kh sagen, daß die Lektüre der ganzen Schnitt deshalb so quälend,
ja erbitjernd auf den Fachmann wirkt, weil sich ilhne Aussagen durch ilbre
quallemhafte G alter tartiigkeit jedem exakteren Zugriff entziehen. Kollojd-
stil! Doch weiter in der Reihe der Beispiele: Verfasser sagt, daß die
Bewegung enne „Raumform" sei. Er will offenbar sagen, sie muß im
Raum erfolgen. Das Wort ,.Raumfomi" aber ist ein mathematische*
Fachausdruck, z. B. in der Verbindung „Clifford-Klein'sche Raumforai",
der etwas abgrundtief anderes beideutei ais K. meint. Das Woirt „Leben"
wird baiM im Sinne von Or.ganfunktiion, physiologischer Prozeß, dann
wieder in der Bedeutkßgn vis vdiva, Lebenskraft, aiteo metaphysisch angewandt
. Desgleichen tritt das Wort „Zeit" doppelsinnig auf: einmal als
Bewußtseinsinhalt, alis Gefühl der Dauer, danin wieder aAs Systemzeit, aiis
Ausdruck dafür, daß bei reversiblen periodischen Vorgängen die Zahl der
Wiedieireireicihunigen eines bestimmten Zustaindes durch Abzählen festgestellt
und als Maß benützt werden kann. Das Wort „Standpunkt" des
Beobachters, das aus der Einsteimsichen Theorie übernommen wird, wo es
einem höchst einfachen, rein geometrischen Siomi hat, wird in geradezu
raffinierter Weise umgedeutet in den anderen Sinn: Anschauuiugs- und
Denkweise- Ich brethe die Reihe der unerquicklichen Betispieile hier ab
faber nicht etwa, weil sie erschöpft wären), und wende mich zu den drei
Punkten, dio m. E. den Ausgang für Dr. Kjs Betrachtungen gebildet
haben könnten. K« unterscheidet scharf zwischen „Selbstbewegmng"
und Bewegung" im physikalischen Sinne und behauptet, es sei der
Grundirirtum Einsteins, daß er diesen Unterschied nicht beachtet habe*
Er wirft Einstein vor, daß er die LichMor^flanzung.sbeweguinjg als physikalisch
gleichwertig mit der Bewegung eines gehierudan Mannes ansetze.
Dr. K. legt nämlich dem Wort „Bewegung" einen Doppelsinn unter, den
diesea Wort eben niicht hat. Bewegung bedeutet seit alters her die Tat-
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