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Die weitere Entwicklung dieser Opercula scheint mir von Cunningham richtig aufgefasst zu sein, so dass
ich sie nicht eingehender zu besprechen brauche. Ich verweise deshalb auf die zahlreichen Abbildungen meiner
Tafeln (s. v. A. Taf. I—III, VIII—XXVII) und füge hier denselben nur noch eine Zusammenstellung einiger Contour-
zeichnungen hinzu, welche, wie die schematischen Figuren von Mihalkovics und Cunningham und grösstenteils-
im Anschluss an die Figuren der Tafeln, einen Ueberblick über die Entwicklungs- und Gestaltungsvorgänge geben
können (s. S. 30).
Nur auf einige Hauptpunkte der Opercularentwicklung will ich hier noch eingehen. Von den Opercular-
gebilden zeigen das Operculum parietale und das Operculum temporale von Anfang an das stärkste Wachsthum. Ihre
hinteren Partien treten einander am Ende des 5. und noch mehr im 6. Monat, in dessen zweiter Hälfte sie schon
wie zwei Lippen an einander gedrückt sind, entgegen; wenn man diese Lippen vorsichtig auseinander zieht, bemerkt
man, dass der Boden der nunmehr als eine Fissura Sylvii aufzufassenden Spalte nicht von der Insula gebildet
wird, sondern dass hier zwischen den beiden Opercula eine tiefe Falte vorliegt. Es ist gerade die oben besprochene
, nach unten-aussen abfallende dreieckige Partie, welche schon im 5. Monate am hinteren Ende des temporalen
Opercularwalles gebildet wurde, die hier die untere Lippe und gewissermassen den Boden der Spalte bildet.
Man hat hier mit dem Felde der queren Temporalwindungen Heschl's zu thun, gegen welches die hintere
und sogar grösste Partie des Operculum parietale von oben her hinabgewachsen ist und mit welchem sie das
Hinterende der Fissura Sylvii bildet (Taf. IX, Fig. 9; Taf. XIV, Fig. 4 und 6; Taf. XV, Fig. 4 und 6), die
sich übrigens in den meisten Fällen mit ihrem hintersten Theile schon S-förmig nach oben hin umgebogen hat
(Fig. 9 der Taf. IX).
Nach vorn hin sind im 6. Monate die beiden genannten Opercula schon ziemlich stark über das eigentliche
Insularfeld hervorgewölbt und einander genähert, obwohl sie einander noch nicht erreicht haben (Fig. 9 der Taf.
IX), was erst gegen das Ende des Monats geschieht; zwischen ihnen und der Insularfläche bildet sich also eine
allmählig immer tiefer werdende Rinne. Auch das Operculum frontale superius ist ziemlich weit hinabgewölbt,
wogegen das Operculum frontale intermedium und das Operc. front, anterius gegen das Opercularfeld nur eine
tiefe, aber nach aussen hin offene Rinne darbieten (Fig. 9 der Taf. IX).
Es erübrigt nun die Besprechung einer wichtigen Partie am unteren Umfang der Fossa und der Insula,
nämlich der unteren Eingangspforte der Fossa, der sogen. Vallecula Sylvii. Wie ich oben bei der Behandlung des
Gyrus olfactorius lateralis hervorgehoben habe, zieht dieser Gyrus, in Uebereinstimmung mit v. Mihalkovics',
v. Kölliker's und Guldbeeg's Darstellung, zuerst nach aussen und dann nach hinten-innen bis zum vorderen Ende
des Gyrus hippocampi, in welchen er übergeht; in diesem Verlaufe folgt er, ringförmig gebogen, dem Rande der
Fossa Sylvii, den er sogar, wie ein Gebräme, bildet (Fig. 1 der Taf. XXXII). Bei der weiteren Entwicklung des
Gehirns wird, in Zusammenhang mit der Vergrösserung des Frontal- und Temporallappens, die Vallecula Sylvii
immer mehr eingeknickt, was auch mit dem unteren Rande der Fossa Sjdvii geschieht; der Gyrus olfactorius lateralis
wird spitzwinklig eingebogen und gewissermassen an sich selbst gefaltet (Fig. 2, 3 und 4 der Taf. XXXII).
In dieser scharfen Falte liegt nun die Arteria fossa? Sylvii, und es hat allen Anschein, dass die starke Arterie mechanisch
dazu beiträgt, diese Falte zu bilden. Wenn man nun diesen Verhältnissen im 5. und 6. Monate weiter
nachforscht, so findet man, dass der Einschnitt am Gyrus olfactorius lateralis, resp. am Rande der Fossa Sylvii
(Fig. 5 und 8 der Taf. IX), sich nach oben-hinten über die Insula fortsetzt, und zwar gera.de in der Bahn des
Hauptstammes der genannten Arterie. Die Furche lässt sich schon im 5. Monate am Insularfeld eine gute Strecke,
zuweilen bis über die Hälfte desselben hinauf und noch höher, fast bis zum oberen Rande empor, nachweisen.
Hierdurch wird schon eine Andeutung zur Abgrenzung der sogen. Insula posterior vom vorderen Theil gegeben.
Im 6. und 7. Monate wird der Einschnitt mit seiner Fortsetzung, der Insularfurche, noch stärker, wodurch er
sich immer deutlicher als der Sulcus centralis insulce markirt. Den unteren Einschnitt selbst werde ich als y>Incisura
olfactorim bezeichnen, um dadurch zu betonen, dass er dem Gyrus olfactorius lateralis angehört. Die durch die
Emporwölbung des Operculum temporale entstandene untere Grenzfurche, der Sulcus (terminalis) insula? inferior,
welcher den unteren Schenkel des Sulcus circularis insula? darstellt, läuft nie in die Incisura olfactoria aus,
sondern er wendet sich vorn mehr nach aussen hin und zieht in die Fissura rhinica hinein, die sich weiter nach
hinten hin fortsetzt und das Rhinencephalon von dem Temporallappen trennt.
Cunningham hat nun auf Grund der zuletzt angeführten, von ihm eingehender gewürdigten Verhältnisse
die Ansicht ausgesprochen, dass die Insula posterior nicht, wie Eberstaller angegeben hat, mit dem Ende des
Temporallappens, sondern mit dem Lobus limbicus vereinigt ist. Dies ist zwar dem Anscheine nach richtig, indem
der gröbere anatomische Zusammenhang darauf hinweist. Wenn man aber die Entwicklungsverhältnisse berück-
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