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Anmerkung
für
die Tafeln der Modellfigur VII. VIII. IX. und X.
(zu Tafel VII. gehörig.)
Diese Figur genau in derselben Situation wie die Muskelfigur jedoch
mit Haut bekleidet und künstlerisch vollendet ist ein jugendlicher Athlet mit
dem rechten Arme eine schwere Kugel stemmend. Obwohl das Stemmen auf
verschiedene Weise — je nach dem Verhälfniss von Kugel und Kraft —
geschehen kann, so wird diese hier gewählte Darstellung im richtigen Ver-
hältniss zu ihrer Aufgabe stehen.
Schon schwebt die Kugel über dem Kopfe, noch eine weitere Anstrengung
und sie ruht auf dem gestreckten Arme in der Gleichgewichtslinie.
Die Brust ist weit aufgetrieben und der ganze Körper ist in Mitleidenschaft
gezogen. Durch die grosse Last wird der Oberkörper nach rückwärts
gedrückt, gleichzeitig aber tritt die Bauchmuskulatur in Action, um
einem weiteren Ziehen nach rückwärts, mit der das Zusammenknicken des
Athleten unvermeidlich wäre, entgegen zu wirken.
Die Anlief tungsza ckenf der beiden geraden Bauchmuskeln (M. recti
abdominis) werden oberhalb des Brustkastens durch die Haut hindurch
sichtbar, ebenso treten die Flächen dieses Muskels besonders in der Gegend
der sehnigen Einschnürungen (Inscriptiones tendinea) deutlicher hervor
. Durch die Kückwärtsbewegung erfährt die Haut eine grössere Spannung
und man sieht selbst noch den Schwertknorpel (Processus xiphoideus)
sowie den knorpeligen Ansatz der beiden sechsten Bippen am Brustbein
(Sternum) zart unter der Haut hindurch. Erstere und die beiden siebenten
Bippen, welche von den aufsteigenden Zacken des geraden Bauchmuskels
überschnitten werden, bilden die Magengrube. (Siehe Muskelfigur Taf. V.
u. IX.)
Das linke Bein wird nach hinten gestellt um dem Oberkörper als
Stütze zu dienen, wesshalb auch die Streckmuskeln um dasselbe mehr zu
steifen in Thätigkeit gerathen; ein weiteres Rückziehen ist dann weniger
mehr möglich.
Das gebeugte rechte Bein erleidet von der Last einen ziemlich grossen
Druck. Die Streckmuskel desselben greifen ein und suchen den Schenkel
mehr zu strecken; es entsteht nun ein Confiikt mit den Beugemuskeln,
welche zugleich die Aufgabe haben, das Becken in seiner eingenommenen
Stellung zu fixiren. Der energische Wille in dem Bewusstsein des vorhandenen
Kraftvermögens spannt die Muskeln — um die Aufgabe zu vollbringen
, — zu einer noch grösseren Thätigkeit an; hiedurch entsteht eine
Vibration im ganzen Muskelmechanismus, welche selbst noch durch die
Form zum Ausdrucke gelangen kann, wenn der innere Vorgang richtig
empfunden und der Grad der Anstrengung der hiebei ins Spiel kommenden
Muskeln genau abgewogen und richtig wiedergegeben ist. (Siehe die Tafeln
der Modellfigur.)
Die Füsse sind fest an den Boden gepresst, die äussere Kante der Gelenkfläche
des Sprungbeines (Astragulns) des gestreckten Fusses übt
einen federnden Druck aüf das Wadenbein (Fibula) aus da die Sohlfläche
dieses Fusses dem Boden angepasst ist, der äussere Knöchel (Malleolus
externus) tritt deshalb an diesem Beine mehr hervor als an dem anderen.
Beide Beine werden bei Schwankungen der Last oder Bewegungen im
Oberkörper bemüht sein müssen, den Schwerpunkt immer richtig zu
unterstützen, denn obwohl derselbe in dem Baume der ziemlich weit von
einander entfernten Füsse trifft und in dieser Richtung einen grösseren
Spielraum haben kann, so sind doch die Schwankungen nach der Seite hin
für den Athleten sehr empfindlich.
Schon vor der ersten Anlage einer solcher, Kraftstellung muss man
über den Punkt wo die Schwerlinie die Unterstützungsfläche treffen muss
im Klaren sein, denn je nachdem man einen Moment darzustellen beabsichtigt
kann dieselbe um mehr Leben zu erreichen auch etwas mehr verschoben
gedacht werden wie dies bei beiden Athleten der Fall ist. Hiedurch
aber wird die Aufgabe eine viel schwierigere, denn Stellung und Bewegung
der Gelenke dieser lebendigeren Situation verlangen eine feine Empfindung
um das Zusammengehörigere des beabsichtigten Moments genau herauszufühlen
und richtig wiederzugeben, da die Zeit der Ruhe eine besonders
für die Beobachtung nur äusserst kurze ist.
Wäre die Stellung des Athleten so gewählt, dass die Schwerlinie der
Last mit der Schwerlinie des Körpers so zusammen fiele, dass dieselbe auf
das Sicherste unterstützt wäre, der Arm mit der Kugel mehr gehoben und
zugleich ganz gestreckt so wäre die Lebendigkeit bedeutend abgeschwächt,
ein geringer Aufwand von Kraft würde ausreichen den knöchernen Arm
zu steifen und die Gelenke zu fixiren, wobei auch dann die Last eine
längere Zeit ohne allzugrosse Mühe und Anstrengung der Muskeln gehalten
werden könnte. Dies ist aber der Ausgangspunkt des ganzen Vorgangs
denn hiemit ist das Möglichste eiTeicht. Dieser Moment wäre für die Darstellung
des Athleten der ungünstigste welchen man wählen könnte, indem
er auf die Spitze getrieben auf das Gefühl des Beschauers nur als rückgängige
wirken würde.
Nicht selten sieht man aber auch in künstlerischen Darstellungen den
Moment einer beabsichtigten Handlung unglücklicher vorgeführt als in ähnlichen
Figuren; entweder ist derselbe überhaupt nicht der charakfcerisch-
tischte oder es sind Stellung Bewegung und Formgebung aus verschiedenen
Zeitabschnitten durcheinander gebracht. Man ersieht hieraus wie unbedingt
nothwendig es ist, bei dem Beginn einer solchen Arbeit mit dem charakteristischen
Moment schon vorher im Klaren zu sein.
Die richtige Wiedergabe eines solchen Moments hängt allein von der
geistigen Vorstellung der Wrikung des mechanischen Ineinandergreifens
des Muskelapparates ab, um die richtig sprechenden Formen des beabsichtigten
Moments zu finden. Jeder Zoll des Athleten ist desshalb ein physiogno-
mischer Zug des Gesammtausdrucks von Situation und Handlung; durch
ein tiefes Eingehen in beide Athleten wird man sich überzeugen und die grossen
Vortheile des für den Künstler so unerlässlichen anatomischen Studiums
schätzen lernen.
Auf der seitlichen Fiäche des Brustkastens unterhalb des gehobenen
Armes sieht man die Zacken des vorderen Sägemuskels (M. serratus anticus)
auffallend hervortreten. (Siehe Taf. V. u. IX.) In Folge seiner Anheftungs-
punkte zieht er den unteren Schulterblattwinkel nach vorn, das Schulterblatt
dreht sich um seine Axe (Grätenecke) und wird in dieser Stellung
festgehalten, was nothwendigerweise geschehen muss da die meisten Muskeln
welche den Arm heben von der Schulter entspringen, denn erst dann
können dieselben in Wirksamkeit treten. Eine kräftige Unterstützung hiezu
bildet noch der obere Theil des Kapuzenmuskels (31. cucullaris), ebenso
der sägeförmige Muskel (M. serratus anticus.) Selbst bei frei emporgell
oth, anatom. Atlas. Text.
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