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vollkommenern, aber dadurch in ihrer erſten Anlage auch koſtſpieligern Entwuͤrfe geſtatteten. In
dieſem Punkte war er ſogar oft unbeugſam, und wo gebieteriſche Umſtaͤnde eine bedeutende
Abweichung von ſeinen Vorſchlaͤgen erheiſchten, konnte ihm dieß großen Kummer verurſachen. Der
eigentliche Grund dieſes unangenehmen Gefuͤhls war aber bei ihm nicht beleidigte Eitelkeit, ſondern
die Überzeugung, daß die Arbeiten, ſo wie ſie oft ausgefuͤhrt werden mußten, nicht ſo zweckmaͤßig
ausfallen wuͤrden, als er ſolche vorgeſchlagen hatte. Durch eine dreißigjaͤhrige Erfahrung war er
uͤbrigens auch hinlaͤnglich belehrt worden, daß er in fruͤhern Zeiten, zum reellen Nachtheil der
verſchiedenen Arbeiten, oft der Meinung Anderer nachgegeben, und daß der Erfolg ſpaͤter immer
die Richtigkeit ſeiner Anſichten gerechtfertigt hatte.
Tulla kannte kein eigennuͤtziges Intereſſe, und handelte nie nach Privat- oder Nebenruͤckſichten;
was er that und wie er in ſeinem Dienſte wirkte, geſchah aus reiner Vaterlandsliebe und aus dem
regſten Eifer, das von ſeinem Durchlauchtigſten Fuͤrſten in ihn geſetzte Vertrauen auf eine Art zu
rechtfertigen, welche ſeiner innerſten Überzeugung nach dem wirklichen Nutzen und der Wuͤrde des
Staats entſprechen ſollte. Ungeachtet dieſes reinen Beſtrebens war Tullas vieljaͤhriges Geſchaͤftsleben
nicht frei von mancherlei unangenehmen Vorfaͤllen. Er konnte dem, oft den ausgezeichnetſten Maͤnnern
beſchiedenen Looſe, auch ihre beſten Abſichten und eifrigſten Bemühungen, wenigſtens voruͤbergehend,
verkannt zu ſehen, nicht immer entgehen. Dazu kam noch, daß er ſelbſt, unter dem unguͤnſtigen
Einfluſſe einer durch oͤftere Kraͤnklichkeit geſteigerten Reizbarkeit und eines angeborenen Hangs zur
Melancholie, fuͤr Erreichung ſeiner Abſichten oft nicht gerade diejenigen Mittel waͤhlte, womit ein welt—
kluger und mit Menſchenkenntniß begabter Mann, auch bei weit geringern Talenten als Tulla beſaß,
eher und leichter ſeinen Zweck erreicht haben wuͤrde. Von fruͤher Jugend an dem abſtrakten Studium
der mathematiſchen Wiſſenſchaften leidenſchaftlich ergeben, hatte ſich Tulla weniger Menſchen—
kenntniß geſammelt, und ſo wie er ſelbſt frei war, ſo hielt er auch Andere frei von der Einwirkung
perſoͤnlicher Vorurtheile und Leidenſchaften, welche leider oft ſo großen Einfluß auf das Geſchaͤfts⸗
leben haben. Er machte daher auch manche bittere Erfahrung, die er bei einem richtigern Takte in
der Beurtheilung der Menſchen vermieden haben wuͤrde. Allein Niemand, der ihn naͤher kannte,
wird ſeine Gemuͤthlichkeit und Humanitaͤt, ſeine edle Denk- und Handlungsweiſe, ſeine geiſt- und
lehrreiche Unterhaltung im Dienſte wie im Privatleben, und überhaupt die Vorzuͤge ſeines perſoͤnlichen
Characters, wenn dieſer nicht durch Dienſtverhaͤltniſſe und Kraͤnklichkeit getruͤbt war, in Abrede ſtellen.
Tulla ſtand mit vielen ausgezeichneten Maͤnnern des In- und Auslandes in freundſchaftlicher
Verbindung und unterhielt mit ihnen einen ſehr intereſſanten und lehrreichen Briefwechſel uͤber die
mannigfaltigen Gegenſtaͤnde ſeiner Kunſt und ſeines Wiſſens; ſo wie er bei dieſem gegenſeitigen
Austauſch der Ideen ſich von den Anſichten anderer Kunſt- und Geiſtesverwandten Manches
abſtrahirte, ſo ließen auch dieſe Tullas lichtvollen Ideen alle Gerechtigkeit widerfahren. Zu
bedauern iſt es, daß Tulla, theils durch uͤberhaͤufte Dienſtgeſchaͤfte, theils durch oͤftere Kraͤnklichkeit,
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